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»Alles ist Gegenwart«

Im Wortlaut von Lukrezia Jochimsen,

Vororttermin: Prozessbeteiligte des Auschwitz-Prozesses im Jahr 1964  Foto: Bundearchiv

 

Von Luc Jochimsen, ehemalige Abgeordnete der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

 

„336 Angriffe auf Unterkünfte von Asylbewerbern“. Wenn ich diese Schlagzeile auf Seite 1 der „Frankfurter Allgemeinen“ vom 2. September lese, dann geht mir ein Satz nicht mehr aus dem Kopf, der da lautet:

„Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Diesen Satz hat der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer ausgesprochen und aufgeschrieben, als vor 50 Jahren, im August 1965, vor dem Frankfurter Landgericht nach 20 Verhandlungsmonaten und 183 Verhandlungstagen der Auschwitz-Prozess zu Ende ging. Bauer hatte diesen Prozess gegen den allgemeinen Widerstand von Politik und Justiz der damaligen Bundesrepublik durchgesetzt, um Erinnerung und Aufklärung zu ermöglichen.

Waren Widerstandskämpfer im Dritten Reich Verräter des Vaterlandes oder Helden?

Ich bin nach dem Krieg in Frankfurt am Main aufgewachsen und gehörte zu einer Jugendgruppe, die 1953 eine große Veranstaltung zu Ehren der Geschwister Scholl organisierte. Damals tobte im ganzen Land eine erbitterte Debatte: Waren Widerstandskämpfer im Dritten Reich Verräter des Vaterlandes oder Helden? Ausgelöst hatte diese Debatte ein Prozess in Braunschweig, wo der ehemalige Generalmajor und Landtagsabgeordnete Ernst Remer öffentlich die Attentäter des 20. Juli als „vom Ausland bezahlte Landesverräter“ genannte hatte – und deshalb vor Gericht kam, angeklagt von Fritz Bauer, damals Generalstaatsanwalt in Braunschweig. Für uns Schülerinnen und Schüler in Frankfurt, Mitglieder eines Schüler-Parlaments, war dieser Prozess von großer Bedeutung, gab er uns doch endlich Rückhalt gegen die Mehrheitsstimmung anzugehen, für die Wegschauen, Verschweigen, Lügen und dreistes Unrechtsbewusstsein an der Tagesordnung waren. Der Prozess war eine Art Zäsur und der Mann, der ihn initiiert und durchgeführt hatte, dieser Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, wurde für mich ein Vorbild.

1956 kam er nach Frankfurt. Das war das Jahr, in dem ich Abitur machte und von Frankfurt wegzog, aber weiterhin verfolgte, was in meiner Nachkriegs-Heimatstadt passierte. Also und gerade auch den großen Auschwitz-Prozess und die Arbeit von Fritz Bauer. Seine Reden und Vorträge, seine Radio- und Fernseh-Interviews, seine vielen Appelle an uns, die „Jungen“ im Nachkriegs- und Wiederaufbau-Deutschland. Ein Vorbild. Eines der wenigen, die es gab. Ich weiß nicht, wann ich diesen Satz zum ersten Mal gelesen oder gehört habe: „Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden“, aber ich habe ihn in all‘ den Jahrzehnten nie mehr vergessen. Er galt mir immer als eine permanente Mahnung. 12 Jahre wirkte Fritz Bauer als Generalstaatsanwalt Hessens. Seine Vorstellung, dass wir „Gerichtstag halten“ müssen über uns selbst, „über die gefährlichen Faktoren unserer Geschichte“ setzte sich nicht durch. Weder innerhalb der Justiz, noch innerhalb der Politik, erst recht nicht in den Gedanken und Gefühlen der Mehrheit unserer Gesellschaft. Er starb erschöpft, resigniert 1968 – in jener Zeit, da die „Jungen“ aufbegehrten – in Frankreich, in Deutschland, in Prag… Viele Veränderungen brachte dieser Aufbruch, aber das grundsätzliche „Gerichtstag halten über uns selbst“ blieb aus. Fritz Bauer war auch Jahrzehnte lang vergessen.

Fritz Bauer ist brennend aktuell

Nun aber hat sich das geändert – Bücher, Dokumentationen, sogar zwei Spielfilme befassen sich mit seiner Person, seinem Leben, seinem Kampf gegen die „Wurzeln des Bösen“. Und unsere Gegenwart, der historische Moment, in dem unsere Gesellschaft vor den Herausforderungen eines Zustroms von abertausenden Flüchtlingen steht, macht die Auseinandersetzung mit den Gedanken von Fritz Bauer brennend aktuell. Siehe die Anschläge, Attacken, die nationalistischen Massendemonstrationen, die Sprache des Hasses im Internet, die offenen Bekenntnisse zum Rassismus…

„Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“

Am 12. September 2015, ab 18 Uhr, lädt die Bundestagsfraktion DIE LINKE zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung beim Fest der Linken zu einer Szenischen Lesung und Diskussion ein:

AUSCHWITZ-PROZESS. 50 JAHRE DANACH

Fritz Bauer – und der Unrechtsstaat

Es lesen Rolf Becker, Michel Friedman, Gregor Gysi, Hannes Heer, Luc Jochimsen, Jan Korte und Franz Sodann.

Es diskutieren Erardo Rautenberg (Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg), Volkmar Schöneburg (ehemaliger Justizminister des Landes Brandenburg), Hannes Heer (Kurator der ersten Wehrmachtsausstellung), Jan Korte (MdB, Autor zum Thema Rehabilitierung von Kriegsverrätern), Moderation: Luc Jochimsen, Florian Weis

 

Bitte beachten Sie, dass sich der Veranstaltungsort geändert hat. Die Veranstaltung findet statt in der Kalkscheune, Galerie, Kalkscheunenstraße/Ecke Johannisstraße 2, 10117 Berlin.

 

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