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AGHET: Ein Völkermord und der schwierige Umgang mit der Erinnerung

Im Wortlaut von Katrin Kunert,

 

Von Katrin Kunert, Mitglied im Arbeitskreis Außenpolitik und Internationale Beziehungen

 

„Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht. Bei länger andauerndem Kriege werden wir die Türken noch sehr brauchen.“ Diese Äußerung des damaligen Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg brachte die politische Haltung des Deutschen Kaiserreichs zu den Gräueln an den Armenierinnen und Armeniern auf den Punkt. Damit war das Schicksal der christlichen Minderheit besiegelt.

Die alleinherrschende jungtürkische Regierung des Osmanischen Reichs nutzte das Kriegsbündnis mit Deutschland während des Ersten Weltkriegs, um mit den Armeniern abzurechnen, die sie als innere Gefahr für die Reichseinheit betrachteten. Die Verbrechen waren schrecklich und das Ausmaß sprengt bis heute jegliches menschliches Vorstellungsvermögen: Massenerschießungen von Männern und Todesmärsche von Frauen, Kindern und Alten, Überfälle und Massaker gegen wehrlose Flüchtlinge, Entführung und Versklavung von Minderjährigen, Tod durch Verhungern und Seuchen in den Verbannungsgebieten. Es gab armenische Mütter, die sich aus Verzweiflung mit ihren kleinen Kindern von hohen Klippen in die Fluten des Euphrats stürzten und am Ende fanden Massentötungen der immer noch Lebenden in den Konzentrationslagern in der syrischen Wüste statt.

Was nach offizieller türkischer Lesart bis heute verharmlosend als kriegsbedingte „Umsiedlung“ gilt, war nichts anderes als die systematische Ausrottung einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Aghet, der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts, jährt sich in diesem Jahr zum 100. Mal. Der deutsche Bündnispartner wusste alles – und deckte die Verbrechen. Schlimmer noch: Teile des im Osmanischen Reich stationierten deutschen Militärs waren bis zu einem gewissen Grad aktiv in die Verbrechen eingebunden. Nach Kriegsende vereitelte Berlin mehrere Versuche internationaler Strafverfolgung, indem es führenden verantwortlichen Jungtürken in Deutschland Asyl gewährte.

Auch 100 Jahre danach hat Deutschland seine historische Mitverantwortung weder vollumfänglich eingestanden noch aufgearbeitet. Alle Bundesregierungen haben sich bislang geweigert, die Verbrechen an den Armeniern als Völkermord und die deutsche Rolle als Beihilfe anzuerkennen. Einen Hoffnungsschimmer gibt es für die Bundestagsdebatte am 24. April 2015. Es gilt schon als Erfolg, dass nach größer gewordenem öffentlichen Druck die Regierungsfraktionen Medienberichten zufolge offenbar bereit sind, den Völkermordbegriff zumindest noch in den Beschlussteil ihres Antragstextes einzufügen. Zuvor kam der Begriff lediglich in der Antragsbegründung vor. Ausgerechnet eine von der CDU/CSU angeführte Bundesregierung, die nicht müde wird zu behaupten, für die Rechte von verfolgten Christinnen und Christen in der Welt einzutreten, zeigt sich gegenüber den ermordeten Armenierinnen und Armeniern geschichtsvergessen und ohne Rückgrat. Sie sollte sich Papst Franziskus zum Vorbild nehmen, der die Dinge klar beim Namen nannte. Damals wie heute will Deutschland mit seiner Leisetreterei die wirtschaftlichen und politischen Interessen in der Türkei nicht gefährden.

Die offizielle Türkei bedauert zwar die menschliche Tragödie, bestreitet aber jegliche politische Vernichtungsabsicht. Die türkische Zivilgesellschaft ist schon deutlich weiter. Mutige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Journalistinnen und Journalisten, Künstlerinnen und Künstler sowie Filmschaffende haben sich in den vergangenen Jahren des Themas angenommen. Sie sind beschämt über die Haltung der türkischen Regierung, die am 24. April eine eigene Gedenkveranstaltung für eine Schlacht im Ersten Weltkrieg angesetzt hat, um von dem Völkermordgedenken abzulenken.

Niemand beschuldigt die heutige Bevölkerung in der Türkei oder in Deutschland lebende Menschen türkischer Herkunft bzw. mit türkischem Migrationshintergrund, für die Verbrechen an den Armeniern verantwortlich zu sein. Viele von ihnen kennen die historischen Fakten nicht. Ich meine, dafür gibt es ein wirksames Mittel: Aufklärung und Bildung. DIE LINKE will in ihrem Antrag, den ich zusammen mit meiner Kollegin Ulla Jelpke initiiert habe, dass die deutsche Mitverantwortung am Völkermord an den Armeniern in die Schullehrpläne aufgenommen wird. Alle Schülerinnen und Schüler müssen etwas über die historischen Tatsachen erfahren. Das sind wir nicht nur den Armenierinnen und Armeniern schuldig, sondern uns selbst. Es ist eben auch ein Teil unserer Geschichte. Der Umgang mit Geschichte und Erinnerung sagt viel über das Selbstverständnis einer Gesellschaft aus.

DIE LINKE schlägt vor, dass im Rahmen demokratischer Erinnerungspolitik alle historischen Persönlichkeiten gewürdigt werden, die sich unabhängig von Parteizugehörigkeiten für die Armenier eingesetzt haben. Das betrifft bekannte sozialdemokratisch-sozialistische und konservative deutsche Politiker sowie evangelische und katholische Geistliche. Der Sanitätsoffizier und spätere Schriftsteller Armin T. Wegner hielt unter Lebensgefahr das Leiden der Armenier auf Fotos fest und erkannte frühzeitig die Ähnlichkeiten in der Verfolgung der Jüdinnen und Juden durch die Nazis. Ich finde, sein Wirken verdient größere öffentliche Aufmerksamkeit in Deutschland. Es steht für Humanismus, Empathie und hohe Moralvorstellungen über den Wert jedes einzelnen Menschen. Genauso gab es auch hochrangige osmanische Regierungsbeamte, Provinzgouverneure und Landräte, die die Ausführung der Deportationsbefehle verweigerten. Sie wurden ihres Amtes enthoben, hingerichtet oder ermordet. Es ist höchste Zeit, dass diese Helden im dunkelsten Kapitel der türkischen Geschichte endlich Gesicht und Namen bekommen. Die kritische Auseinandersetzung mit historischen Massenverbrechen ist zweifellos ein schwieriger Lernprozess, der bisherige Gewissheiten umstößt. Er ist aber für eine demokratische Zukunft unerlässlich.

linksfraktion.de, 20. April 2015

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