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Zwischen Krieg und Kreisliga

erschienen in Klar, Ausgabe 36,

Beim Regionalligisten SV Babelsberg 03 gibt es die erste reine Flüchtlingsmannschaft Deutschlands: Welcome United 03

Ein Sportplatz im späten Frühling. 23 Spieler stehen auf dem Feld. Einer muss runter. Beim Fußball spielen elf gegen elf. Laute Diskussionen auf Arabisch, Französisch, Deutsch. In Babelsberg, mitten in Brandenburg, findet ein besonderes Fußballspiel statt: Welcome United 03 trifft auf Inter Hoppegarten – das Match zweier Flüchtlingsmannschaften.

Der Gastgeber, Welcome United, ist die dritte Mannschaft des Regionalligisten SV Babelsberg 03. Gegründet im letzten Jahr, kicken in diesem Team Spieler aus mehr als zehn Nationen. Ab Sommer 2015 wollen sie in der Kreisliga um Punkte spielen. Sie wären dann die erste reine Flüchtlingsmannschaft im regulären Ligabetrieb.

Das Spiel in der Sportanlage am Karl-Liebknecht-Stadion ist hart umkämpft. Nach einem Konter gehen die Gastgeber in Führung. Noch vor der Halbzeit schießt Welcome United das zweite Tor.

In der zweiten Hälfte gelingt Inter Hoppegarten der Anschlusstreffer. Für den Ausgleich reicht es nicht mehr. Beim Abpfiff reißen die Spieler von Welcome United die Arme in die Luft. Die Zuschauer am Spielfeldrand jubeln ihrer Mannschaft zu.

Einer der bejubelten Torschützen heißt Johnson Ejike. Vor vier Jahren kam der bullige Stürmer aus Nigeria nach Deutschland. In seiner Heimat war der 34-Jährige Politiker. Nach der Präsidentschaftswahl im Jahr 2011 eskalierte die Gewalt. Ejike musste fliehen. Eltern und Geschwister blieben in Afrika. Seit seiner Ankunft in Deutschland war ihm klar: »Ich muss Fußball spielen, wie zu Hause auch.«

Manja Thieme hat ihm geholfen, diesen Wunsch zu verwirklichen. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin der Flüchtlingshilfe hatte diesen Wunsch auch schon von anderen Flüchtlingen gehört und kontaktierte den SV Babelsberg 03. Der Verein stellte kurzerhand einen Trainingsplatz bereit und integrierte die fußballbegeisterten Flüchtlinge sogar als offizielles Team. Die Trikots kauften in einer spontanen Aktion die Fans des Regionalligisten.

Immer mehr Fußballvereine folgen nun dem Babelsberger Beispiel. So startete kürzlich der Bundesligist VfB Stuttgart die Initiative »Fußball verbindet«, bei der jugendliche Flüchtlinge in der Fußballschule der Schwaben mittrainieren können.

Johnson Ejike spricht fließend Deutsch und Englisch. Häufig übersetzt er für seine Mitspieler die Ansprachen des Trainers. Er hat Politikwissenschaften studiert. Doch abseits des Platzes kann er seine beruflichen Qualifikationen kaum zum Einsatz bringen. In Berlin arbeitet er als Reinigungskraft in einem Museum. »Das ist nicht mein Beruf. Leider kriege ich keine Chance, mein Können unter Beweis zu stellen«, sagt Ejike. Selbst eine Ausbildung zum Lkw-Fahrer könne das Jobcenter ihm nicht bezahlen.

Vor dem Training geht der gläubige Christ oft in die Baptistenkirche in Potsdam. Dort wird die Predigt für die Flüchtlinge simultan übersetzt. »Bald ist das nicht mehr nötig, ich verstehe eh fast alles«, sagt Ejike. »In der Kabine reden wir aber nicht über Religion oder Herkunft. Fußball ist hier alles, was zählt.«