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Zwischen Hure und Nonne – das Dilemma patriarchaler Rollen

erschienen in Querblick, Ausgabe 6,

Alice Schwarzer führte einst eine Kampagne gegen Pornos. Ihre Kampagne beförderte eine wichtige Debatte. Rund 30 Jahre später ist die junge Raperin Lady Bitch Rey zu Gast bei Sandra Maischberger. Lady Bitch Rey bezeichnet ihre Kunst als Vagina-Style und sieht sich selbst als moderne Feministin. Auch ihr Auftritt ist Ausdruck einer wichtigen gesellschaftlichen Debatte. Kann Feminismus auch im erotischen Gewand daher, kommen? Oder ist jede erotische Abbildung von Frauen nur ein weiteres Kapitel in der banalen Geschichte »Frauen-werden- auf-ihre-Rolle-als-Objekt-reduziert«? Doch mit den Rollenbildern ist es nicht so einfach: Die Rollenbilder, die einer Frau nach patriarchalem Verständnis zur Verfügung stehen, sind recht limitiert: Nonne, Mutter oder Hure. Alle drei Rollen stellen Frauen vor allem in Beziehung zum Mann dar: die Nonne als Braut Jesu, die Mutter als Ehefrau eines Mannes, die Hure als »Braut« vieler Männer. Die Herausforderung der Emanzipation besteht darin, dass Frauen diese männerfixierten Rollen ablegen und als selbstbestimmte Akteurinnen in Erscheinung treten. Dies ist leichter gesagt als getan. Die indische Globalisierungskritikerin Gayatri Spivak verwies vor kurzem zu Recht darauf, dass es faktisch kein Entfliehen vor der Reproduktion von Geschlechterrollen gibt. »If you love your mother, you are in it. And if you hate your mother, you are in it, too.«

Die Fesseln der Bescheidenheit abzulegen kann helfen, Rollenklischees zu durchbrechen. Immerhin gehört zu den Klischees, dass Mädchen durch Bescheidenheit und Männer durch Führungsstärke glänzen. Die Fesseln der Bescheidenheit abzulegen, ist also ein Beitrag zur Gleichstellung. Dazu gehört für Frauen in der Politik das bewusste Bedienen der Medien. Problematisch wird es, wenn die Aufmachung eines Porträts Politikerinnen nicht als Akteure, sondern als Objekte darstellt. Wer nun jedoch meint, der feministische Königsweg bestände nun darin, jede Bedienung eines männlichen Schönheitsideals zu vermeiden, der irrt leider ebenso. Letztlich wählt frau damit nur eine andere Rolle, die der Nonne. Und diese Rolle ist genauso durch eine patriarchale Gesellschaft vorgezeichnet. Dies sei auch jenen gesagt, die meinen im Namen des Feminismus sich über erotische Abbildungen aufregen zu müssen.

Dies erinnert an die Aussage von Adorno: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. So viel Ratlosigkeit sollte sich ein ehrlicher Feminismus eingestehen. Wahrscheinlich gibt es keinen Königsweg aus diesem Dilemma. Ein emanzipatorischer Königinnenweg könnte womöglich darin bestehen, dass jede Frau für sich selbst entscheidet, welche Pfade sie einschlägt beim Abstreifen der alten Rollen. Gefordert ist Mut zum Experiment, kritische Reflexion, etwas Gelassenheit und manchmal einfach nur weibliche Solidarität.
Katja Kipping, MdB, Sprecherin für Sozialpolitik