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»Zukunftsfähigkeit ist für mich keine Frage des Alters«

erschienen in Clara, Ausgabe 16,

Luc Jochimsen (74) wurde von der LINKEN als Kandidatin für das Amt ?der Bundespräsidentin nominiert. Im clara.-Interview spricht Sie über Freiheit, Träume und Nachrichten auf ihrem Handy.

Luc Jochimsen, Ihre Präsidentschaftskandidatur gilt wegen der Mehrheitsverhältnisse als aussichtslos. Warum stellen Sie sich dennoch neben Christian Wulff und Joachim Gauck zur Wahl?

Eine Wahl für dieses Amt muss mehr sein, als nur das Duell zwischen zwei Menschen. Zudem habe ich in meinem Leben die Erfahrung gemacht – spätestens seit meinem Bundestagsmandat 2005 –, dass es nicht nur darauf ankommt, sich sofort durchzusetzen ?und zu siegen.

Sondern?

Dass es auch wichtig ist, jede Chance ?zu ergreifen, um die für die Gesellschaft wichtigen Themen auszusprechen. ?Auch wenn sich die politische Konkurrenz erst einmal nicht für deine Vorschläge interessiert und sie im Parlament gnadenlos niederstimmt, passiert etwas Hochinteressantes: Die Themen sind deswegen nicht einfach vom Tisch.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir haben in den letzten Jahren als ?LINKE dutzende Anträge zum Frieden, zu Afghanistan und zum Mindestlohn in den Bundestag eingebracht. So oft es ging, haben wird davon in der Öffentlichkeit gesprochen. Zwar stimmten die anderen Parteien reflexartig dagegen, aber diese Forderungen sind in der Gesellschaft geblieben, die Bevölkerung hat sie für wichtig befunden. Deswegen geht es ?mir nicht darum, als Siegerin aus dieser Wahl hervorzugehen, sondern hörbar zu machen, was meine Vorstellungen sind.

Wie sehen diese Vorstellungen aus?

Da Bundespräsidenten vor allem die Macht des Wortes haben, will ich täglich für mehr Frieden in der Gesellschaft werben – innen wie außen. Derzeit mache ich die Erfahrung, dass wir uns zu einer gar nicht mehr so friedlichen Gesellschaft entwickeln. Zudem will ich mich nicht damit zufrieden geben, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Eine Gesellschaft, in der immer mehr Leute verarmen und einige wenige immer reicher werden,?mag ich nicht, und davon möchte ich Tag und Nacht reden.

Welche Vision haben Sie für unsere Gesellschaft?
 
Deutschland soll eine Vorbildrolle als friedliches Land spielen. Gerade wir sind doch dazu prädestiniert, keine Rüstungsgüter herzustellen, keine Weltmeister in Sachen Rüstungsexport zu sein, sondern der Welt etwas ganz anderes zu zeigen. Es wäre doch großartig, wenn klar wäre, dass man mit den Deutschen keine Kriege führen kann – weder am Kap von Afrika noch in Afghanistan. Wir wären stattdessen die Nation der Diplomatie und ?der friedlichen Mittel.

Das bezieht sich stark auf ein ?Außenverhältnis: Und im Inneren?

Wichtig wäre es, den kostbaren Begriff der Freiheit so zu definieren, dass er soziale Gerechtigkeit, soziale Sicherheit und Chancengleichheit mit einschließt. ?Zu oft wird hierzulande ein fürsorglicher Staat als etwas Negatives formuliert, der Freiheit einschränkt. Zu oft heißt die falsche Frage: Freier Mensch oder soziale Sicherheit? In dieser Sache können wir aus der Geschichte lernen, da bietet sich eine große Chance.

Inwiefern?

Wir haben die geschichtliche Erfahrung ?mit der DDR, in der der Staat so gut wie alles regulierte und Freiheit einschränkte. ?Jetzt haben wir aber auch die Erfahrung gemacht, dass der unkontrollierte Kapitalismus Gesellschaften in gewaltige Krisen stürzt, extrem in Arme und Reiche spaltet. Das ist auch nicht mit dem Freiheitsverständnis der Demokratie vereinbar. Wie ?soll diese denn funktionieren, wenn viele verteufelt arm und einige wenige verteufelt reich sind. Die Frage kann nicht lauten: Turbokapitalismus oder DDR? Es geht darum, etwas Besseres zu schaffen.

Was müsste passieren, um diese Freiheit zu erhalten?

Ein Prozess des Umdenkens müsste stattfinden. Und es müsste an die »breiten Schultern« appelliert werden, an die Frauen und Männer in diesem Land, die reich, sehr reich geworden sind. Dass es zu ihrer Verantwortung als Bürgerinnen und Bürger gehört, von diesem Reichtum der Gesellschaft etwas abzugeben.

Fehlen der Gesellschaft derzeit Utopien?


Ja, ich wünsche mir die Rückkehr von Utopien. Dass die Menschen wieder träumen und Ideen haben, die nicht nur unseren gegenwärtigen Alltag betreffen, dass sie sich gemeinsam mit vielen anderen fragen: Was wollen wir eigentlich, was ist sinnvoll für unsere Gesellschaft? Viel zu oft heißt es, Konsum ist sinnvoll und macht glücklich.

Von den Utopien hin zur traurigen Realität: Wir befinden uns seit fast zwei Jahren nicht nur in einer der größten Wirtschaftskrisen, vor wenigen Tagen hat die Bundesregierung auch noch ein gigantisches Sparpaket angekündigt ...

Dieses Sparpaket ist eine Schande. Es ?lässt die Verursacher der Krise völlig ungeschoren davonkommen. Sie müssen keinen Anteil an der Bewältigung der Krise leisten. Stattdessen werden damit diejenigen in die Verantwortung genommen, die an dieser Krise vollkommen unschuldig sind. Familien und Hartz-IV-Empfänger werden jetzt das Geld bezahlen müssen, das an Banken, Unternehmen und Spekulanten geflossen ist.

Sie haben von der Macht der Worte gesprochen, die ein Bundespräsident hat. Was wären Ihre Worte als Bundespräsidentin an die Menschen in dieser Zeit der Krise?

Lasst es euch nicht gefallen! Tut euch zusammen! Sorgt für die Zukunft eurer Kinder! Sorgt dafür, dass eure Kinder nicht in diese Misere hineinwachsen. Formt zusammen mit den Gewerkschaften, den außerparlamentarischen Gruppierungen und den vielen Gleichgesinnten einen Protest und nehmt jede Wahl zum Anlass, jenen, die die Misere verursacht haben, ?zu zeigen, dass sie für dieses Volk nicht wählbar sind.

Woran sollten sich Menschen in 50 Jahren erinnern, wenn sie an das Krisenjahr 2010 denken?

Dass es die Zeit war, in der die Menschen umgedacht haben, neue Wege gegangen sind. Weg von militärischer Außenpolitik – hin zu einem Frieden. Dass es die Zeit war, in der man sich von einer Wirtschaftsform verabschiedete, die nur wenigen zugutekommt und nicht allen.

Luc Jochimsen, wenn Sie für ein paar Momente träumen könnten, wohin würde Sie Ihre erste Reise als Bundespräsidentin führen?

Nach Polen, denn die Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen ist noch immer nicht vollzogen, und die liegt mir sehr am Herzen.

Einige Details zum Schluss: Wer hat Sie um die Kandidatur gebeten?


Gesine Lötzsch.

Haben Sie lange gezögert?

Nein, ich habe mich kurz mit meinem Mann beraten, und der sagte: Das ist fantastisch, mach das, los!

Einige Kritiker meinten, Sie wären zu alt.

Also, das ist schon interessant. Früher hörte ich viel Kritik, weil ich in verschiedenen Positionen meiner journalistischen Laufbahn sehr jung oder eine Frau war. Oft beides zusammen. Ich habe häufig erlebt, dass andere Menschen – sofern sie es wollen – alles zum negativen Urteil wenden können. Mal, weil du eine Frau oder zu jung bist, oder eben zu alt. Mittlerweile ist mir das egal. An meine Außenseiterrolle habe ich mich gewöhnt, und Zukunftsfähigkeit ist für mich keine Frage des Alters – so ein Denken ist lächerlich.


Aber die Zeit der Kandidatur mit all den Auftritten und Interviews ist eine Ochsentour.

Ich habe wundervolle Glückwünsche bekommen. Auf meinem Handy laufen so viele liebevolle und witzige Textnachrichten ein, da kann man gar nicht erschöpft und müde sein.


Herzlichen Dank


Das Gespräch führte Benjamin Wuttke

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