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Zu Hause in Deutschland?

Von Azize Tank, erschienen in Lotta, Ausgabe 9,

Alltag von Frauen mit Migrationshintergrund.

In der Bundesrepublik leben 16,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Davon sind 7,7 Millionen Frauen, sie kommen aus mehr als 100 Ländern. Die Debatte über sie ist nicht selten klischeehaft. Es geht um Zwangsverheiratung, Ehrenmord, Heiratsmigration, häusliche Gewalt, die eigene Bildungsproblematik und die ihrer Kinder. Frauen mit Migrationshintergrund werden häufig als „Opfer“ dargestellt, als handlungsunfähig und abhängig von den Ehemännern, der Familie. Diese einseitige und tendenziöse Betrachtungsweise ist stigmatisierend und entspricht nicht der Lebensrealität. Sie erlaubt außerdem keine differenzierte Sicht und erschwert eine wirkliche Auseinandersetzung beziehungs weise das Suchen nach Lösungsansätzen für tatsächlich bestehende Benachteiligungen. Erschwerend kommt hinzu, dass es nur selten spezielle Forschungen zum Alltag von Migrantinnen gibt. Mittlerweile existieren immerhin Erkenntnisse – hauptsächlich im Bildungs- und Erwerbsbereich –, die differenziertere Einblicke in die Realität von Migrantinnen zulassen. So zeigte die bereits 2005 veröffentlichte Grundlagenstudie „Viele Welten leben“ Situation und Zukunftsvorstellungen junger Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund. Danach sind sie mehrheitlich zielstrebig, motiviert, bildungs- und familienorientiert, streben eine finanzielle Unabhängigkeit sowie eine partnerschaftliche Gleichberechtigung an. Das aber wird ihnen schwer gemacht. Frauen mit Migrationshintergrund sind vielfachen Diskriminierungen in mehreren Lebensbereichen ausgesetzt. Sprich, sie sind doppelt diskriminiert: zum einen als Frau, zum anderen aufgrund ihres Migrationshintergrunds. Besonders drastisch zeigt sich das am Weg von der Schule über die Ausbildung bis in die Arbeitswelt.

Eine Studie des Sachverständigenrats der Deutschen Stiftungen vom März 2014 stellt fest, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund trotz gleicher Qualifikationen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz signifikant diskriminiert werden – alleine schon wegen ihrer Namen. Dem 10. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland ist darüber hinaus zu entnehmen, dass es einen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund gibt. Zwar sind Mädchen aus Migrationsfamilien in der Schule wesentlich erfolgreicher als Jungen, sie erreichen bessere und höherwertigere Bildungsabschlüsse, und doch läuft der weitere Ausbildungs- und Berufsweg nicht entsprechend ihren guten Leistungen. Sie erhalten wesentlich seltener einen Ausbildungsplatz als Jungen. Mehr als 90 Prozent der Schulabgängerinnen bemühen sich um einen Ausbildungsplatz. In rund 75 Prozent der Fälle bekommen sie am Ende nicht die gewünschte Ausbildung. Eine Entwicklung, die sich durch das ganze Erwerbsleben zieht. Und das, obwohl die Mädchen und Frauen neben den formalen Qualifikationen über interkulturelle Erfahrungen, eine Mehrsprachigkeit, internationale Kontakte und über Wissen anderer Kulturen und Traditionen verfügen. Eigentlich alles starke Erfolgsfaktoren. Theoretisch.

Damit Frauen mit Migrationshintergrund wirkliche Chancengleichheit erfahren, müssen Denkstrukturen, besonders auch Vorurteile bei den Arbeitgebern infrage gestellt und überwunden werden. Das klagt DIE LINKE schon lange ein. Chancengerechtigkeit und Partizipation müssen als Prinzip in der Gesellschaft und in sämtlichen Organisationen verankert werden. Also selbstverständlich werden. Defizite bestehen nicht bei den Frauen mit Migrationshintergrund,  sondern der Handlungsbedarf liegt in erster Linie in der Gesellschaft und bei den Arbeitgebern. So könnten Quotenregelungen hilfreich sein, aber auch anonymisierte Bewerbungsverfahren. Geistes- und Sozialwissenschaftler belegen es seit Langem: Ohne eine verstärkte gesellschaftliche und politische Partizipation von allen Frauen wird die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft nicht funktionieren.
 
Azize Tank ist seit 2013 Mitglied der Fraktion DIE LINKE
 
Informationskasten
ANTEIL DER AUSLÄNDISCHEN BEVÖLKERUNG AN DER GESAMTBEVÖLKERUNG

2013 lebten rund 80,6 Millionen Menschen in Deutschland, davon 16,5 Millionen
mit Migrationhintergrund; 9,7 Millionen von ihnen, fast zwei Drittel, besaßen
die deutsche Staatsbürgerschaft.

2015
Eine Umfrage des Guardian ergab Unterschiede zwischen geschätztem und tatsächlichem Ausländeranteil in Deutschland.
Geschätzter Anteil: 23 Prozent
Tatsächlicher Anteil: 13 Prozent

In Hamburg (13,1 Prozent) und Berlin (12,6 Prozent) leben die meisten Menschen
mit Migrationshintergrund.
In Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen die wenigsten (2,2 – 1,8 Prozent)

ANZAHL NACH HERKUNFTSLAND
Türkei 1.549.808
Polen 609.855
Italien 552.943
Griechenland 316.331
Gefolgt von Rumänien, Kroatien, Russland, Serbien und Österreich.
 
Quelle: Statistisches Bundesamt
 

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