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Zeit für einen Aufschrei

erschienen in Clara, Ausgabe 47,

Losgetreten wurde diese »MeToo-Debatte für das Prekariat« von Christian Baron. Ein junger Journalist. Einer, der – wie ihm von außen bescheinigt wird – »es geschafft hat«. Ein Arbeiterkind. Niemand aus seiner Familie hat oder hatte Abitur. Niemand studierte zuvor. Der Grund war ihre sogenannte falsche Herkunft. »In Deutschland hängt der Bildungserfolg sehr stark von der sozialen Herkunft ab«, das belegt erneut eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Kinder in Deutschland werden am formalen Bildungsgrad der Eltern gemessen. Was heißt: Man lässt sie bewusst »unten«. Armut aber sei »kein Naturzustand«, sondern ein »politisch gewollter«, so Christian Baron. Er sei da rausgekommen, weil er viele Tausend Euro Schulden in Kauf genommen habe, dazu »die richtigen Leute« traf. Etwas werden durch Zufall? Eine Zweiklassenpolitik von Kindesbeinen an? Als der Freitag am 8. November 2018 seinen Hashtag #unten begann, wurde die Wochenzeitung noch am selben Tag mit Twitternachrichten überflutet. Die kleine Zeitung hatte einen Nerv getroffen. #unten wurde zum Sprachrohr Betroffener. Hier konnten sie über sich selbst erzählen. Die Resonanz war so überraschend, dass auch öffentlich-rechtliche Sender und überregionale Zeitungen wie Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung das Thema aufgriffen. Sich in Deutschland als »unten« zu outen, ist nicht einfach. Wer dazugehört, sei selbst schuld, faul oder dumm. So die Legende. Sie ist falsch, das belegen die vielen einzelnen Stimmen. Tausende Mal 240 Zeichen erzählen vom Armsein im Alltag. Es ist mies, grenzt aus, verletzt die Würde. Und jetzt? Was macht der Freitag mit diesem Aufschrei? Es sei, so Christian Baron, der Idealfall eingetreten. »Wir haben eine öffentliche Debatte ausgelöst.« Sahra Wagenknecht, Dietmar Bartsch, Katja Kipping, Bernd Riexinger und andere linke Abgeordnete hätten #unten in die Bundestagsdebatte hineingetragen. Jetzt liege »der Ball bei der Politik«. Sie muss Lösungen finden. Denn die wirkliche Frage unserer Zeit ist die soziale Frage.

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