Zum Hauptinhalt springen

Wunsch oder Wirklichkeit

erschienen in Lotta, Ausgabe 2,

Oder warum eine gute Universitätsausbildung noch keine Garantie für einen guten Arbeitsplatz ist. Eine Studentin erzählt.

Kind, du musst gut in der Schule aufpassen, deine Hausaufgaben machen und lernen. Mit diesem Satz lagen mir meine Eltern schon früh in den Ohren. Ich sollte es einmal besser haben, ein guter Job und Bildung sei die beste Voraussetzung dafür, glaubten sie. Ich auch. Dass eine akademische Ausbildung allerdings keineswegs eine Garantie ist, um einem Prekarisierungsschicksal zu entgehen, weiß ich inzwischen. Es beginnt damit, dass ich mit 25 Jahren immer noch zu Hause bei Muttern wohne. Die Unterhaltungs- kosten für eine eigene Wohnung könnte ich alleine gar nicht tragen. Selbst beim besten Miteinanderumgehen schafft das Abhängigkeiten und bietet wenig Raum für persönliche Entwicklungsmöglichkeiten. Gleichzeitig gibt es aber auch kaum bezahlbaren Wohnraum für Studenten. Im Saarland, wo ich studiere, ist die Situation katastrophal: viel zu wenige finanziell leistbare Studentenunterkünfte. Zur Wohnungssuche kommt dann noch das ständige Suchen nach einem Nebenjob. Einen einträglichen Nebenjob zu haben, wird oft zum Privileg, bei dem die qualitativen Arbeitsansprüche und die Frage der Vereinbarkeit mit Studien- und Lernzeiten schnell in den Hintergrund treten.

 

Ich hatte großes Glück, hatte einen dauerhaften Nebenjob, habe aber auch viele Veranstaltungen sausen lassen, um fürs blanke Geld arbeiten gehen zu können. Das Versäumte musste ich irgendwie im Selbststudium nacharbeiten. Eine weitere Hürde im Studium sind die Praktika. Was als Sammeln von Berufserfahrung gedacht ist, stellt sich für uns oft als Belastung dar. Denn ständig fragt man sich: Wo wohne ich in dieser Zeit, wovon lebe ich während des Praktikums? Da spielen die speziellen Erfahrungen für den späteren Beruf fast eine Nebenrolle. Der Existenzdruck ist einfach zu hoch. Den Lehrbeauftragten geht es nicht besser: Viele sind gezwungen, Lehraufträge an verschiedenen Universitäten anzunehmen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Für ein Honorar von 500 Euro im Monat leiten sie Seminare, machen die Vor- und Nachbereitungen, geben Sprechstunden, korrigieren Arbeiten und übernehmen oftmals Prüfungsleistungen und Betreuungsaufgaben. Eine hochanspruchsvolle Aufgabe, die unglaublich schlecht bezahlt wird. An den Universitäten ist das jedoch normaler Alltag, und die Lehrbeauftragten haben noch nicht einmal eine Interessenvertretung, um sich zur Wehr setzen zu können. Modernes akademisches Prekariat im 21. Jahrhundert.

Auch ich habe schon jetzt Angst davor, was mich nach meinem Abschluss erwartet. Der Glaube, den meine Eltern mir mit auf den Weg gaben, dass eine gute Ausbildung eine sichere Existenz bedeutet, diesen Glauben habe ich längst verloren. Und so wie mir geht es vielen anderen meiner Generation. Das Risiko, sich später in prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen bewegen zu müssen, ist für viele unheilvolle Realität. Wir ahnen und sehen, dass sich gute Bildung allein auf dem Arbeitsmarkt nicht auszahlt. Von Armut und Ausgrenzung bedroht zu sein, trifft nicht nur sogenannte Geringqualifizierte, sondern eben auch uns, Studentinnen und Studenten mitten in einer langen akademischen Ausbildung.

 

Deshalb ist Politik gefragt. Eine Politik, die nicht nur für, sondern vor allem mit den prekarisierten Menschen gemacht werden muss, egal in welchen Branchen. Ihre Interessen sind es, die in den Mittelpunkt gehören.

 

Sandy Stachel ist Jurastudentin an der Universität in Saarbrücken, 26 Jahre

Auch interessant