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»Wir müssen wieder lernen, uns zu empören«

erschienen in Klar, Ausgabe 20,

Der Liedermacher Konstantin Wecker über sein Engagement gegen Nazis, andere Wege des Zusammenlebens und darüber, was er derzeit vermisst: Empörung.

Herr Wecker, warum haben Sie sich erneut bei den Protesten gegen Europas größten Nazi-Aufmarsch in Dresden engagiert?

Konstantin Wecker: Für mich ist das eine logische Fortsetzung eines 40-jährigen antifaschistischen Weges.

Einige Kritiker behaupten, Sie seien bei den Anti-Nazi-Protesten auf einen populären Zug aufgesprungen?

Auch wenn das, verständlicherweise, einige jüngere Menschen bisher nicht so wahrgenommen haben: Antifaschismus, das gehört zu meinem Leben. Viele meiner Lieder beschäftigen sich damit (u.a. »Sage Nein«, »Die weiße Rose«, »Vaterland«), und das schon seit Beginn meiner Karriere. Antifaschismus – das ist mir seit Langem ein Anliegen des Herzens.

Viele Jahre lang konnte man in Deutschland den Eindruck haben, die Politik ignoriere das Problem eines wachsenden Rechtsradikalismus. Wie ist Ihr persönlicher Eindruck?

Zum Glück wird jetzt endlich mehr und umfassender über die rechte Bewegung und ihre Gewalt gesprochen und berichtet. Eine Gewalt, die leider viel brutaler ist, als sie lange Zeit in den Medien dargestellt wurde. Andererseits glaube ich aber nicht, dass wir in Deutschland gefährdet sind, nochmals einen Faschismus dieser Art zu erleben. Aber es genügen schon ein paar dieser unverbesserlich Gestrigen, damit man sich gegen sie und ihre verheerenden Thesen wehren muss.

In einem Ihrer Texte bedauern Sie, dass die politischen und wirtschaftlichen Zustände in unserem Land noch immer nicht zu einer großen sozialen Bewegung geführt haben. Warum bleibt das Ihrer Meinung nach aus?

Weil Deutschland, wie schon der Dichter Heinrich Heine sagte, ein zur Revolution ungeeignetes Land ist. Es ist zum Heulen. Ein neues Lied von mir trägt den Titel »Empört euch!«. Es ist angelehnt an die Wutschrift des 93-jährigen französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel. Darin schreibt er, dass in den letzten zehn Jahren weltweit derart haarsträubende Zustände eingetreten seien, dass wir etwas dagegen tun müssten und man heutzutage nicht sagen könne: »Ich habe nichts davon gewusst.«

Ihnen fehlt die Empörung der Menschen?

Ja, wir müssen wieder lernen, uns zu empören. Das gehört zum Leben dazu. Schöpfung ist Widerstand und Widerstand ist Schöpfung, wie Hessel in seinem Buch sagt.

Aber warum empören sich denn nun so wenige Menschen?

Es fehlt oft die Lust, sich zu informieren. Wer sich beispielsweise nicht nur vom Privatfernsehen berieseln lässt, sich stattdessen umfassend informiert, etwa über die Zusammenhänge von Wirtschaft und Politik, der ist doch schon nach den ersten fünf Minuten empört.

Der Bahnhofsneubau in Stuttgart muss Sie ziemlich empört haben. Sie haben dort demonstriert.

In der Tat. Stuttgart 21 ist für mich zu einem Symbol dafür geworden, wie stark Wirtschaft und Politik miteinander verfilzt sind. Mittlerweile leben wir in einem System, in dem alles, was man tut, nach Kosten und Nutzen ausgerechnet wird. Es gibt überhaupt keine anderen Werte mehr. Außer dem einen: Wie kann ich den anderen bescheißen, wie kann ich mich noch mehr bereichern.

Und was kommt nach der Empörung?

Da kommt es darauf an, Modelle für einen dritten Weg der Wirtschaft zu entwickeln. Weg vom Kapitalismus und auch Kommunismus, hin zu einer Gemeinwohlökonomie. Da gibt es viele spannende Modelle. In meiner Utopie traue ich den Menschen zu, dass sie herrschaftsfrei und gewaltfrei leben können. Daran sollten wir arbeiten. Ich selbst werde das wahrscheinlich nicht mehr erleben. Aber, wie sagte der Philosoph Erich Fromm so schön, Hoffnung heißt auch, an etwas weiter zu glauben, das man zu seinen Lebzeiten vielleicht nicht mehr erleben kann.

Das Interview führte Benjamin Wuttke.

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