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„Wir machen auf die Opfer aufmerksam“

erschienen in Klar, Ausgabe 17,

In „Sichtbare Zeichen“ (Papy-Rossa Verlag, 170 Seiten, 12,90 Euro) befassen sich Jan Korte und Gerd Wiegel mit aktuellen Tendenzen in der deutschen Geschichtspolitik: Gemeinsam mit anderen Autorinnen und Autoren beobachten sie eine Verschiebung von der Tätergeschichte zur Opfererinnerung.


In „Sichtbare Zeichen“ (Papy-Rossa Verlag, 170 Seiten, 12,90 Euro) befassen sich Jan Korte und Gerd Wiegel mit aktuellen Tendenzen in der deutschen Geschichtspolitik: Gemeinsam mit anderen Autorinnen und Autoren beobachten sie eine Verschiebung von der Tätergeschichte zur Opfererinnerung.


Haben Sie den Eindruck, dass 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versucht wird, die Verbrechen des Nationalsozialismus (NS) grundsätzlich neu zu bewerten?

Jan Korte: Ja, denn nicht mehr deutsche Täter sollen im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Im Zusammenhang mit Bombenkrieg und Vertreibung wird nun vor allem über deutsche Opfer gesprochen. Hier findet eine Gleichsetzung statt, die die Frage nach Ursache und Wirkung außer Acht lässt. Wir stellen einige dieser Debatten dar und machen gleichzeitig auf beinahe vergessene NS-Opfer, wie die sogenannten Kriegsverräter, aufmerksam.

Welche Kapitel der Geschichte der „alten“ BRD müssten stärker beleuchtet werden?

Gerd Wiegel: Die Rolle der BRD im Kalten Krieg. Bis heute ist die Sicht auf Geschichte nach 1945 völlig einseitig. Während die Archive der DDR offenstehen, sind wichtige Dokumente der BRD-Geschichte nicht einsehbar. In der Diskussion über das neue Gedenkstättenkonzept des Bundes wurde von den Konservativen eine Gewichtsverlagerung von der Darstellung der NS-Vergangenheit hin zur DDR-Vergangenheit betrieben. Vehement wehrten sie sich dagegen, die Geschichte beider deutscher Staaten im Kalten Krieg zu präsentieren.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Diskussion um den Realsozialismus in der DDR?

Korte: Für die Linke insgesamt muss gelten: Die schonungslose Aufarbeitung aller Fehlentwicklungen und Verbrechen des Realsozialismus ist ein ständiger Prozess, der nicht irgendwann für beendet erklärt werden kann. Aber genauso muss man auch gegen diejenigen streiten, die mit offensichtlich konstruierten historischen Argumenten jeden neuen Sozialismusversuch als Verbrechen brandmarken wollen. 

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