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„Wir leben in dunklen Zeiten“

erschienen in Clara, Ausgabe 39,

Justin Sullivan, Sänger und Gitarrist der britischen Band New Model Army, über rechtsradikale Demagogen, den Überwachungsstaat und Songs gegen den Krieg

Bei Ihrem Konzert in Köln habe ich jüngst viel Wut und Düsternis auf der Bühne erlebt. Warum?   Justin Sullivan: Wir leben in dunklen, unruhigen Zeiten. Wir hatten viel Material von unserem Album „High“ im Programm. Die Lieder wurden um das Jahr 2005 vor dem Hintergrund des Irakkrieges geschrieben. Deshalb sind sie gerade jetzt wieder sehr passend. Wir haben ja schon den nächsten Krieg. Ich habe früher viel Zeit in Paris verbracht. Viele Leute fragten deshalb, ob ich nicht über die Anschläge in Paris schreiben wolle. Aber irgendwie haben wir das ja schon getan, mit diesen alten Songs.   Bei Gründung der Band Anfang der 1980er Jahre haben Sie gesagt, es sei angesichts der Lage nicht möglich, unpolitisch zu sein.   Ja, und heute ist das eigentlich auch wieder so.   Trotzdem ist auf dem jüngsten Studioalbum nur ein politischer Song, und zwar über den Aufstand in Ägypten.   Das ist eigentlich kein wirklich politischer Song. Er fängt eher das Gefühl dieses Aufstands ein. Ich habe damals in Kairo meine Schwester besucht und diese Stimmung gespürt.    Warum gibt es auf diesem Album nicht mehr politische Songs?   Weil man nicht den im Prinzip selben Song immer wieder neu schreiben kann. Man kann sie spielen, wie wir das mit den Songs aus der Zeit des Irakkrieges tun. Aber man kann sie nicht immer wieder neu schreiben. Viele Leute denken, New Model Army sei eine politische Band in dem Sinne, dass wir aus politischen Gründen existieren, mit einer eigenen politischen Agenda.   Und das stimmt nicht?   Nein. Ich wehre mich gegen diese Idee. Sie ist sehr hemmend für Künstler.    Aber Sie haben politische Dinge getan. Zum Beispiel haben Sie Ihre Plattenfirma genötigt, für den Streik der Bergarbeiter gegen Margaret Thatcher zu spenden.   Ja, aber die Band ist aus musikalischer Motivation entstanden. Und dann kam das Bedürfnis, über Dinge, die in der Welt vorgehen, zu schreiben. Aber es ist auch völlig in Ordnung, Liebeslieder zu schreiben.   An wen sollten Plattenfirmen heute spenden?   Zum Beispiel an 38 Degrees, eine Dachorganisation in Großbritannien, die verschiedene Kampagnen organisiert, etwa gegen das Handelsabkommen TTIP oder den Krieg. Oder sie sollten spenden an die Stop the War Coalition.   Warum dieses Bündnis?   Gerade hat das britische Parlament beschlossen, mit Bombenangriffen in Syrien einzugreifen. Wenn solche Dinge wie in Paris passieren, schreien alle Politiker: „Bloß keine Kurzschlusshandlungen!“ Und dann machen sie genau das. Wir müssen die Lehren aus den Kriegen in Irak, Libyen und Afghanistan ziehen. Leider passiert heute das Gegenteil.   Warum wehrt sich Großbritannien gegen die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus Syrien?   Es ist politisch unpopulär. Leute wie David Cameron stehen schwach da. Ihnen sitzen die rechtsradikalen Demagogen im Nacken. Die Medien stellen Flüchtlinge als böse und gefährlich dar. Man weiß kaum, wo man mit der Aufklärung anfangen soll. Vielleicht kommt da auch diese Wut her.   Am Ende des Konzerts in Köln haben Sie „I Love the World“ gespielt.    Das ist eigentlich kein politisches Lied. Aber letztlich geht es darin um die Bewahrung der eigenen Humanität. Darum, sich nicht von der Hysterie, die Medien und Demagogen schüren, überwältigen zu lassen. Die lieben die Hysterie. Sie hilft, Zeitungen zu verkaufen und Umfragewerte zu steigern. Es kann gefährlich werden, wenn die Leute ihren gesunden Menschenverstand in einer Massenhysterie verlieren.   Ein großer Hit Ihrer Band war „51st State“. Haben Sie heute noch das Gefühl, in einer Art US-Kolonie zu leben?   Na ja, nicht mehr als damals auch. Was mich überrascht, ist die allgemeine Überraschung, dass wir alle durch den US-amerikanischen Geheimdienst NSA überwacht werden. Was habe die Leute denn erwartet? Mich hat das nicht überrascht.   Das Interview führte Niels Holger Schmidt.   New Model Army ist eine britische Rockband, die ihren Durchbruch im Jahr 1986 mit dem Song „51st State“ erlebte. Das aktuelle Album „Between Wine and Blood“ erschien im Jahr 2014.