Skip to main content

»Wir brauchen eine starke Linke!«

erschienen in Clara, Ausgabe 45,

Waren Sie schon vor dem Einzug in den Bundestag in der Partei aktiv?

Susanne Ferschl: Ich bin seit Juni vergangenen Jahres im Landesvorstand der Partei DIE LINKE in Bayern. Vorher war ich parteipolitisch nicht aktiv. Ich war immer der Überzeugung, dass es möglich ist, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen direkt an der Basis vor Ort zu verbessern. Als der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mit der Agenda-Politik begann, gab es bei mir einen Bruch. Im Laufe der Jahre musste ich mir eingestehen: Wenn du die Rahmenbedingungen verändern willst, musst du dich auch parteipolitisch engagieren. Das war dann für mich der Grund, Mitglied in der Partei DIE LINKE zu werden – der einzigen Partei in Deutschland, die noch für soziale Gerechtigkeit steht.

Wie wurden Sie Betriebsrätin? Wie wichtig ist Ihnen gewerkschaftliches Engagement?

In meiner Ausbildung habe ich Unterstützung von Betriebsrat und Gewerkschaft erfahren. Daraufhin habe ich mich selbst als Jugendvertreterin und gewerkschaftlich engagiert und festgestellt, dass man ziemlich schnell und unmittelbar etwas bewegen kann. Meine wichtigste Erfahrung war: Es geht nicht alleine, es geht nur gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen. Es ist uns in meiner Zeit als Vorsitzende gelungen, die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder im Betrieb auf über 80 Prozent zu erhöhen.

Konnten Sie als Betriebsrätin auch etwas gegen den Konzern durchsetzen?

In dem global agierenden Unternehmen Nestlé haben wir einen Welt- und einen Europabetriebsrat. Im Unternehmen in Indonesien wurden beispielsweise einmal 35 Kolleginnen und Kollegen rausgeschmissen, weil sie gestreikt hatten. Doch aufgrund der Solidarität in der Weltgewerkschaft ist es uns in einer einjährigen Auseinandersetzung gelungen, dass die Kolleginnen und Kollegen wieder eingestellt worden sind. Das war für uns ein Erfolg, der zeigte, wie wichtig es ist, eine betriebliche Interessenvertretung zu haben. Und wie wichtig es ist, dass die Gewerkschaften die Solidarität auch überbetrieblich organisieren. Denn es darf nicht sein, dass Betriebsräte nur für ihren Standort kämpfen. Dann besteht die Gefahr, dass die Betriebsräte gegen-einander ausgespielt werden.

 Als bayerische Abgeordnete und Betriebsrätin: Was sagen Sie zu den geplanten Kündigungen bei Siemens?

Im bayerischen Erlangen befindet sich ein Siemens-Standort. Dort sollen insgesamt 250 Jobs wegfallen. Der Standort versucht, seine Gewinne zu maximieren. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleiben auf der Strecke. Das ist überall das Gleiche: In Hochglanzbroschüren preisen die Konzerne den Menschen als das höchste Kapital. Aber im Endeffekt ist die Belegschaft für die Konzernleitung nur ein Kostenfaktor. Hier ist es zwingend not-wendig, politisch zu agieren.

Sie kommen aus dem Allgäu. Dort ist die Arbeit der Fraktion DIE LINKE noch nicht überall bekannt. Was wollen Sie da ändern?

Ich habe im Wahlkampf gemerkt: Überall dort, wo wir aufgetreten sind und unsere Positionen zur sozialen Gerechtigkeit erklärt haben, haben wir ein hohes Maß an Zustimmung erfahren. Und dort, wo wir präsent waren, hatten wir auch ein besseres Wahlergebnis. Leider konnten wir in dem Flächenwahlkreis nicht überall präsent sein, was ich aber auch durch meine Arbeit ändern möchte

Was wollen Sie im Bundestag erreichen?

Ich will gegen prekäre Beschäftigung kämpfen und mich für eine Rente, von der man leben kann, einsetzen. Mir ist klar, dass eine Einzelne da nicht viel bewegen kann, aber ich halte es für sehr wichtig, das Thema immer wieder nach außen zu tragen. Und ich will in meinem Wahlkreis noch mehr Menschen für meine politischen Überzeugungen gewinnen, die dann selbst mitmachen und am Ende auch sagen: Wir brauchen eine starke Linke in diesem Land, und nicht nur die CSU.

Was machen Sie, wenn eine Sitzung mal etwas länger dauert?

Ich habe eine große Schwäche für Gummibärchen. Wenn in so einem Moment irgendwo Gummibärchen rumliegen, bin ich immer versucht, in der Nähe eine Runde zu drehen und davon einige mitzunehmen.

 

Susanne Ferschl ist 44 Jahre alt und war freigestellte Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Nestlé AG Deutschland. Sie war Mitglied im Landes- und Bundesvorstand und ist Regionsvorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) im Allgäu. Bei der Bundestagswahl erhielt sie in ihrem Wahlkreis Ostallgäu 5,3 Prozent der Erststimmen.

Auch interessant