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Wieder salonfähig? Antifeminismus in der Gesellschaft

erschienen in Lotta, Ausgabe 12,

Eine emanzipierte Gesellschaft braucht emanzipierte Menschen. Und keine alten Rollen, neue Tabubrüche und vergangene Werte.

Am 9. November 2016 wurde mit Donald Trump ein Mann zum Präsidenten der USA gewählt, der offensichtlich sexistische Positionen vertritt. Der berühmt gewordene Mitschnitt seines Pausengesprächs mit einem Moderator – das versehentlich aufgezeichnet wurde – lässt sich nicht als Gerede in der Männerumkleide abtun. Wenn man verharmlosend davon spricht, bedient man einerseits selbst biologische Sexismen »Männer sind halt so ...« und andererseits nimmt man damit die Situation als gegeben, als normal und unveränderbar hin. Beides ist nicht förderlich für eine emanzipatorische Gesellschaft. Sexistische Tendenzen nehmen anscheinend in unserer Gesellschaft zu. Das zeigt nicht nur das Beispiel Trump, sondern beispielsweise auch die TV-Werbung einer großen Supermarktkette zum Weihnachtsfest, die offensiv zum Verkauf ihrer Produkte mit der Angst vor dem Gesichtsverlust bei der Schwiegermutter wirbt. Als wäre es die naturgegebene Bestimmung der Ehefrau und Mutter (nicht nur an Weihnachten) allein zu putzen, zu kochen und für die Familie zu sorgen.

Das altbackene und reaktionäre Weltbild, das hinter solchen Beispielen steht, scheint heutzutage eine Renaissance zu erfahren. Nicht nur Mann traut sich wieder, Dinge zu sagen, die ganz tief aus der Mottenkiste geholt werden und als Tabu galten.

Es ist wahrscheinlich, dass sexistische Ressentiments schon immer da waren, mehr oder weniger geschlummert haben und in Zeiten von vermeintlicher oder realer Unsicherheit und Verunsicherung ans Tageslicht kommen und eine Auferstehung erfahren. Zusätzlich erfahren sie eine politisch-parlamentarische Legitimation durch den Einzug ins Weiße Haus oder in deutsche Landtage. Mit der sogenannten Alternative für Deutschland (AfD) ist der organisierte Antifeminismus im politischen System Deutschlands angekommen. Oder muss man vielleicht sagen, mit voller Wucht zurückgekehrt? Es gab immer schon explizit antifeministische und gleichstellungsfeindliche Tendenzen in den Landtagen oder im Bundestag. Abwehrkämpfe gegen gesellschaftliche Modernisierungsbestrebungen durchziehen die politische Agenda seit Jahrzehnten.

Damit einhergehend werden bisherige Errungenschaften der Frauenbewegung(en) und der emanzipatorischen und freien Gesellschaft infrage gestellt. Zum einen verschärfen sich die Angriffe auf sexuelle und reproduktive Rechte der Frauen. Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch wird nicht nur in unserem Nachbarland Polen angegriffen – auch in Deutschland gehen jedes Jahr etliche Tausend Menschen beim »Marsch für das Leben« auf die Straße und machen Frauen das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper streitig. Zum anderen gab es spätestens mit der Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes eine neue Idee von Paarbeziehungen und Familienformen. Die Abwehrkämpfe gegen die Gleichstellung der Lebenspartnerschaft mit der Ehe werden erbittert geführt. In Frankreich gehen Zehntausende unter dem Motto »La Manif pour tous« auf die Straße, um gegen alles zu protestieren, was nicht der Idee einer Kleinfamilie aus Vater, Mutter, Kind entspricht.

Von der AfD und der extremen Rechten bis in die bürgerliche Mitte hinein gibt es das Streben nach alten konservativen Werten und der zu schützenden Kleinfamilie. Das ist Ausdruck einer gefühlten tiefen Verunsicherung. In einer Zeit des Aufbrechens vermeintlicher Gewissheiten wie der festen Arbeitsstelle und der Angst um deren Verlust, der Angst vor einem Abstieg auf der gesellschaftlichen Ansehensleiter, Angst vor Scheidung oder gesellschaftlichen Veränderungen in Zeiten von Umweltkatastrophen, Krisen und Kriegen ist das Eis der »zivilisatorischen« Schutzschicht besonders dünn. Dies bekommen nicht nur Frauen, sondern auch Schwarze Menschen, Nichtdeutsche und Marginalisierte und Prekarisierte in unterschiedlichem Ausmaß deutlich zu spüren.

In diesen Zeiten werden erkämpfte Freiheiten und emanzipatorische Errungenschaften gern beschnitten. Die Uhr soll zurückgedreht werden, um den Weg zur homogenen (Volks-)Gemeinschaft zu ebnen und Statusängste zu lindern. Tradierte Vorstellungen sollen reaktiviert werden, um Verängstigten, die um ihren Platz und Status in der Gesellschaft bangen, Halt und Orientierung zu bieten: ein Festhalten an alten Privilegien als einzige Sicherheit in einer feindlichen Welt.

Für uns Linke ist es zwingend notwendig, sich gegen alle Formen von Menschenfeindlichkeit zu wehren. Wir müssen diesem Zeitgeist gemeinsam unsere Idee einer freiheitlichen, emanzipatorischen und solidarischen Gesellschaft entgegensetzen. Denn eine offene, tolerante Gesellschaft muss auch behütet und immer wieder neu verteidigt werden.

Jana Hoffmann ist Referentin für feministische Politik in der Fraktion DIE LINKE

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