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Wie wollen wir leben?

erschienen in Clara, Ausgabe 46,

Wie sieht es aus, das gute Leben? Was versprechen wir uns vom Leben, und welche Gestaltungsmöglichkeiten bietet uns eine Gesellschaft, in der 50 Jahre nach der 1968er-Bewegung von Revolte, Aufbruch und freier Liebe wenig übrig geblieben ist? Stattdessen erleben wir, wie erkämpfte Freiheiten angesichts des vorherrschenden Kapitalismus, eines gesellschaftlichen Rechtsrucks und der damit verbundenen Rückwende zur bürgerlichen Kleinfamilie infrage gestellt werden. Damit geraten auch die Rechte von Frauen wieder verstärkt in Gefahr.

Zu einem guten Leben gehört Selbstbestimmung. Die Freiheit, den eigenen Weg gehen zu können, auch in beruflicher Hinsicht. Berufstätig zu sein, gehört für viele Frauen heute zum Selbstverständnis, die Frauenerwerbsquote liegt mit rund 75 Prozent so hoch wie nie. Die aktive Teilnahme von Frauen am Erwerbsleben könnte man als positive Entwicklung begrüßen, wenn sie zu mehr Unabhängigkeit und finanzieller Sicherheit von Frauen führen würde. Doch der neoliberale Umbau des Arbeitsmarkts der letzten Jahre hat gegenteilige Auswirkungen. Rund 30 Prozent aller weiblichen Beschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor. Zweidrittel aller ausschließlich im Minijob Beschäftigten sind Frauen. Gerade in den Branchen, die bekannt sind für schlechte Bezahlung und schlechte Arbeitsbedingungen, sind vorrangig Frauen beschäftigt. In der Kindertagesbetreuung sind es 95 Prozent, in der Pflege 85 Prozent.

Die Privatisierung und Ökonomisierung der öffentlichen Infrastruktur verlagert Tätigkeiten wieder ins Private, wo vor allem Frauen die Fehlentwicklungen mit ihrer unbezahlten Arbeit ausgleichen. So erhöht beispielsweise die frühzeitige Entlassung von Patienten aus Krankenhäusern den Pflegedruck auf die Angehörigen. Das betrifft insbesondere diejenigen, die kaum finanzielle Möglichkeiten für die Pflege ihrer Angehörigen haben. Kita-Plätze sind vielerorts Mangelware und häufig teuer. In beiden Fällen sind es dann Frauen, die den Löwenanteil der Sorgetätigkeit übernehmen, nicht selten zusätzlich zu ihrer Lohnarbeit.

Schlecht bezahlte Jobs, Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen: Viele Frauen leiden unter dieser Doppel- und Dreifachbelastung. Die Sorge um andere Menschen wird jedoch immer ein Teil unseres sozialen Lebens und der Gesellschaft sein. Doch eine Politik, die Frauen zurück an den Herd drängen will, taugt dafür nicht als Antwort. Ziel muss es sein, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Menschen sich um Familie oder Mitmenschen kümmern können, ohne in prekäre Verhältnisse abzurutschen oder Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung dabei aufzugeben. Das gute Leben muss für alle möglich sein.

Linke Politik fordert deshalb ein individuelles Recht auf Teilzeit und auf Rückkehr zu der vorangegangenen Arbeitszeit ein. Nur so wird es möglich, sich der Erziehung und Pflege zu widmen, ohne danach in der Teilzeitfalle stecken zu bleiben. Ein Rechtsanspruch auf durch den Arbeitgeber bezahlte Pflegezeit in akuten Phasen sollte auch für Pflegende ohne verwandtschaftliche Beziehungen gelten. Gleichzeitig wollen wir es ermöglichen, dass bis zu vier Personen in Ko-Elternschaft das gemeinsame Sorgerecht für ein Kind haben können. Neben den Pflichten betrifft das auch Rechte wie Kinderfreibeträge, Rentenansprüche und Krankheitstage. Fünfzig Jahre nach 1968 stehen wir dem Neoliberalismus ebenso gegenüber wie einer neuen Rechten. Die Verbindung von sozialer Opposition mit Fragen der Lebensweise sollte unsere Antwort von links darauf sein.

Cornelia Möhring ist frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE

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