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Wenn der Lohn nicht zum Leben reicht

erschienen in Klar, Ausgabe 20,

Trotz harter Arbeit reicht der Lohn für Kerstin Schenke und Christine Wildenhayn kaum zum Leben. Wie den beiden Frauen ergeht es fast sieben Millionen Menschen in Deutschland.

Vier Euro. Das ist Kerstin Schenkes (49) Stundenlohn. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie als Aushilfskraft auf 400-Euro-Basis in einem Bistro in Eisenach. Trinkgeld erhält sie nicht. Sie und ihre Kolleginnen bekommen weder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall noch bezahlten Urlaub.

So wie Kerstin Schenke arbeiten in Deutschland mittlerweile rund sieben Millionen Menschen zu Niedriglöhnen von vier, fünf oder sechs Euro pro Stunde. Vor fünfzehn Jahren schuftete jeder siebte Beschäftigte im Niedriglohnsektor, heute ist es bereits jeder fünfte. 70 Prozent von ihnen sind Frauen. Besonders schlechte Löhne werden im Einzelhandel, in Call-Centern und in der Gastronomie gezahlt.

Zu DDR-Zeiten war Kerstin Schenke voll berufstätig. Nach der Wende wurde die gelernte Elektromonteurin arbeitslos. Sie absolvierte Bewerbungstrainings, Elektrotechnik-Kurse, schulte zur Schwesternhelferin und Schauwerbegestalterin um. Vergeblich. »Von 24 Frauen im Elektrotechnik-Kurs hat nur eine einzige Arbeit in der Branche gefunden«, erzählt sie. Viele seien in 400-Euro-Jobs im Handel gelandet, manche würden zur Schwarzarbeit gezwungen.

Die Regierungen Schröder (SPD) und Merkel (CDU) haben mit der Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen den Druck auf die Beschäftigten erhöht, jede noch so schlechte Arbeit um jeden Preis anzunehmen. Gleichzeitig haben sie unsichere und schlecht bezahlte Arbeitsplätze gefördert, etwa Minijobs und Leiharbeit. Und sie haben einen gesetzlichen Mindestlohn verhindert, wie er bereits in vielen anderen europäischen Ländern existiert. Mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit, die ab dem 1. Mai 2011 gilt, wird der Druck auf die Löhne nochmals zunehmen.

Kerstin Schenke muss ihren Lohn nur deshalb nicht mit Hartz IV aufstocken, weil ihr Ehemann einen Arbeitsplatz hat. Familie Schenke muss auf jeden Cent achten. »Wir gehen höchstens zweimal im Jahr auswärts essen«, berichtet Frau Schenke.

Auch Christine Wildenhayn (53) aus Mainz muss jeden Cent zweimal umdrehen. Die Betriebswirtin hat 23 Jahre lang bei namhaften Firmen im Rhein-Main-Gebiet gearbeitet. Nach Arbeitslosigkeit und Hartz IV erhielt sie schließlich einen Ein-Euro-Job bei einem Pflegedienst. Dort arbeitet sie mittlerweile als Hauswirtschafterin. Zwar verdient sie doppelt so viel wie Kerstin Schenke, doch ihr Lohn von 807 Euro netto reicht bei rund 500 Euro Warmmiete nicht zum Leben. Ihr Auto musste sie aufgeben. Der letzte Urlaub liegt Jahre zurück. Auch für neue Möbel und Küchengeräte fehlt das Geld.

Christine Wildenhayn ist trotz Arbeit noch immer auf Hartz IV angewiesen. 1,3 Millionen Menschen in Deutschland teilen ihr Schicksal. Als Aufstocker müssen sie zusätzlich zu ihrem Lohn Hartz IV beantragen. Auf diese Weise subventioniert der Staat mit jährlich rund elf Milliarden Euro Steuergeld die Lohndrückerei der Unternehmer. Hinzu kommt: Weil die Löhne so niedrig sind, fehlen den Sozialkassen Milliardenbeträge. Trotzdem widersetzt sich die Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP weiterhin einem gesetzlichen Mindestlohn.

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