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Welches Geschlecht hat die Finanz- und Wirtschaftskrise?

erschienen in Clara, Ausgabe 23,

Die Krise hat Geschlechterdimensionen. Zugespitzt formuliert: Bei den Krisenverursachern sind Frauen unterrepräsentiert, bei denjenigen, die hart an den Krisenfolgen zu tragen haben, sind sie überrepräsentiert. Ein Gastbeitrag von Dr. Sabine Reiner

 

Die politisch Verantwortlichen – allen voran Kanzlerin Merkel – waren sehr erfolgreich dabei, die Krise zu einer Staatsschuldenkrise umzudefinieren, angeblich verursacht durch sorglose Haushaltspolitik. Tatsächlich sind in den EU-Mitgliedsstaaten die öffentlichen Schulden, gemessen als Anteil am Bruttoinlandsprodukt, vor der Krise aber nicht gestiegen, in den heutigen Krisenländern Irland und Spanien sind sie sogar gesunken. Einen starken Anstieg gab es erst, als europaweit Banken gerettet und ihre Verluste sozialisiert wurden. Dennoch formulierte Volker Kauder, CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender, beim CDU-Parteitag im November 2011 in bewusster Verkehrung von Ursache und Wirkung: »Ausgangspunkt der Krise sind nicht die Spekulanten gewesen, sondern dass wir uns nicht an die Haushaltsdisziplin gehalten haben.« Bei den europäischen Krisengipfeln spielt die Entwicklung auf den Finanzmärkten als Krisenauslöser keine Rolle mehr.    Konjunkturprogramme 
retten Männerarbeitsplätze

Die auf den Finanzmarktcrash unmittelbar folgende Wirtschaftskrise schien – zumindest in den reichen Industrieländern – eine Krise für männliche Beschäftigte zu sein. In der Eurozone blieb die Arbeitslosenquote von Frauen im Jahr 2010 mit 10,3 Prozent gegenüber 2005 stabil, während die der Männer von 8,2 auf 9,9 Prozent stieg. In der gesamten EU überholte die Arbeitslosenquote von Männern sogar erstmals die der Frauen. Auch in den Euro-Krisenländern macht sich der Unterschied bemerkbar, allerdings auf viel höherem Niveau und bei größeren Geschlechterunterschieden vor der Krise: In Spanien verdreifachte sich die Arbeitslosenquote von Männern von 7 auf knapp 20 Prozent, bei den Frauen verdoppelte sie sich von 12 auf gut 20 Prozent im Jahr 2010. In Griechenland stieg sie von 6 auf 10 Prozent bei Männern und von gut 15 auf 16 Prozent bei Frauen. Seither ist sie in beiden Ländern weiter gestiegen (bei Männern und Frauen in Griechenland zusammen auf 18 und in Spanien auf 23 Prozent).   Angesagt war hierzulande schnelle Hilfe für die vor allem betroffenen Exportindustrien. Abwrackprämie, Investitionen und Kurzarbeitergeld waren in dieser Hinsicht erfolgreich. Sie kamen zu über 70 Prozent männlichen Beschäftigten zugute, so das Ergebnis einer Studie von Gabriele Schambach für die Hans-Böckler-Stiftung. Das Geld hätte allerdings zukunftsorientierter angelegt werden können, etwa für Konversionsprojekte. Ebenso wichtig wäre eine ähnlich schnelle und wirksame Hilfe auch, wenn Frauenarbeitsplätze bedroht sind, wie aktuell die der über 30 000 Schlecker-Beschäftigten.   Testosteron als Krisenursache?   Insgesamt sind im Bereich Finanz- und Versicherungsdienstleistungen zwar mehr Frauen als Männer beschäftigt. Doch in leitenden Gremien, in den Vorständen und Aufsichtsräten der großen Banken sind Frauen seltene Exemplare. Der Rat der Europäischen Zentralbank, der aus sechs Direktoren sowie den 17 Notenbankchefs der Mitgliedsstaaten besteht, ist sogar eine reine Männerrunde.    Dieses offenkundige Missverhältnis führ-te zur naheliegenden Frage, ob die Krise eine Testosteron-Krise sei und »Lehman Sisters« sie uns möglicherweise erspart hätten. Vergleiche zeigen tatsächlich, dass Frauen risikoaverser entscheiden und von Frauen geführte oder mitgeführte Unternehmen häufig erfolgreicher sind. Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind aber nicht mehr eindeutig, wenn die äußeren Umstände mit betrachtet werden. Bei vergleichbaren Einkommens- und Vermögensverhältnissen etwa gleicht sich auch das Anlageverhalten an. Nur den Frauenanteil auf Leitungsebenen zu erhöhen, reicht daher nicht aus.    Schuldenbremsen bremsen 
Geschlechtergerechtigkeit

Mit Angela Merkel hat nun ausgerechnet eine Frau die Rolle übernommen, mit knallharten Kürzungsvorgaben europaweit soziale und Geschlechtergerechtigkeit auszubremsen. Ihre Lösungsstrategie für die Eurokrise lautet: Alle sollen so werden wie Deutschland. Konkret heißt das: »Runter mit den Löhnen« zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und Einführung von Schuldenbremsen nach deutschem Muster für ganz Europa. Bei der Lohnentwicklung schnitt Deutschland bekanntlich seit der Euro-Einführung mit dem höchsten Reallohnverlust pro Kopf in der Eurozone ab. Zu einem wesentlichen Teil war dies ein Ergebnis der Ausbreitung von prekärer Beschäftigung und Niedriglöhnen. Fast jede dritte Frau arbeitet in Deutschland zu einem Niedrig- oder Hungerlohn. Bei Männern ist es »nur« fast jeder Zehnte. Die geschlechtsspezifische Verteilung schlechter Löhne ist damit in Deutschland besonders krass.   Lohnkürzungen sind nun Bedingungen für Notkredite an die Eurokrisenländer. In Griechenland ist der Mindestlohn soeben von 4,34 Euro auf 3,39 Euro gekürzt worden, die Arbeitslosenunterstützung, die ohnehin nur für maximal ein Jahr gezahlt wird, um 30 Prozent auf 322 Euro. Eltern sind inzwischen so verzweifelt, dass sie bei SOS-Kinderdörfern anfragen, ob sie ihre Kinder dort unterbringen können, weil sie es nicht mehr schaffen, für sie zu sorgen. Die ersten Kinder wurden aufgenommen, alle von alleinerziehenden Müttern.    Doch öffentliche Einrichtungen wie die SOS-Dörfer bekommen die Krisenfolgen selbst zu spüren. Soziale Einrichtungen und öffentliche Dienstleistungen generell drohen dem Rotstift zum Opfer zu fallen, wenn die krisenbedingt gestiegenen Schulden reduziert werden sollen, koste es, was es wolle. Auf öffentliche Angebote sind aber gerade sozial Schwächere, Familien und Frauen angewiesen. Auch hierzulande arbeiten im öffentlichen Sektor mehrheitlich Frauen. Kürzungen vermindern daher ohnehin knappe oder teure Angebote und verschlechtern Beschäftigungschancen für Frauen. Das gilt zum Beispiel für die ab 2013 versprochene ausreichende Ausstattung mit Kita-Plätzen. Aus Kostengründen verlangen Kommunen jetzt, die Frist für den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz zu verlängern und damit den Anspruch zu verschieben, »um eine Klagewelle enttäuschter Eltern zu vermeiden«.   Das reichste Prozent der Bevölkerung in Deutschland besitzt ein Drittel des gesamten Vermögens. In Europa besitzt das reichste Prozent insgesamt ein Geldvermögen von über zehn Billionen Euro. Das ist mehr als das Doppelte aller Staatsschulden der fünf Krisenländer Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien. Statt Menschen massenhaft in Verzweiflung zu stürzen, ist es allemal sinnvoller, sich die Finanzmittel für gutes Leben, gute öffentliche Angebote, gute Arbeit und Geschlechtergerechtigkeit dort zu holen, wo sie im Überfluss vorhanden sind. Dazu muss auch eine möglichst breite Debatte über die Funktion und die Aufgaben von Finanzinstitutionen geführt werden, zum Beispiel über die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, eine so grundlegende Funktion wie Geld- und Kreditversorgung der Gesellschaft privatwirtschaftlichem Profitinteresse zu überlassen. Und genau bei dieser Diskussion müssen Frauen ihre Interessen nachdrücklich einbringen!   Dr. Sabine Reiner ist Leiterin des
 Bereichs Wirtschaftspolitik beim
ver.di-Bundesvorstand.

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