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Was ist eigentlich Luxus?

Von Katja Kipping, erschienen in Lotta, Ausgabe 8,

Ein Plädoyer für ein ganzes Leben in sozialer Sicherheit.

 

 

Sicher gibt es viele Ansichten zu diesem Thema, genauso viele wie es Antworten auf die Frage nach dem guten Leben gibt. Aber etwas ist bemerkenswert: Immer wenn man andere fragt, was das gute Leben für sie bedeute, wird die ganze Fülle von Leben, von Bedürfnissen aufgeblättert. Wenn diese ausgesprochen werden, spürt man förmlich ein befreiendes Aufatmen. Endlich mal meinen Wünschen, meinem Sehnen, meinen Gelüsten eine Stimme geben. Sachzwänge, vermeintliche und echte, auf den Boden legen, darüber hinweg schreiten, federleicht. Und immer wieder blitzt ein Gedanke auf: Ein sicheres Leben, materiell, in Freundschaft und Partnerschaft, ist notwendig, die eigene Lebensfülle und die der anderen gedeihen zu lassen. Diese Sicherheit gibt Mut, Kraft und ermöglicht das Wagnis, Neues zu entdecken, statt ängstlich auf die nächste Fährnis, sprich auf die nächste Unsicherheit zu starren.Materielle Sicherheit hat viele Facetten, ein Mindestmaß an unangefochtener sozialer Sicherheit und ermöglichter Teilhabe an der Gesellschaft gehört immer dazu. Diese Sicherheit befördert bereitwilliges Teilen mit anderen, im Kleinen wie im Großen, in der Familie wie mit anderen auf der Welt. Angst, die aus der Unsicherheit herrührt, schneidet die Solidarität weg. Diese bleibt beim Kampf ums Existenzielle, um das Stück Freiheit, das man behalten will, schnell auf der Strecke. Wenn Frauen über ihr ganzes Leben sprechen, wird meist schnell deutlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, die den Menschen soziale Sicherheit verwehrt, von der Unsicherheit des Übermorgens und unserer Enkelkinder angesichts rasender Ressourcenvernichtung und ökologischer Folgen der kapitalgetriebenen Arbeit ganz zu schweigen. Unangefochtene soziale Sicherheit hieße nämlich, gemeinsam mit Partnerinnen, Partnern und Kindern zu entscheiden, wie wir unsere Zeit einteilen. Wie viel Erwerbsarbeit sein muss, wie viel Muße, wie viel politisches Engagement – wie viel Zeit wir uns nehmen füreinander, um das Notwendige der Sorge füreinander und das Spielerische miteinander. Was ist aber heute: Eingequetscht zwischen Beruf, Familie und „sozialer Infrastruktur“, zwischen (Sozial- )Behörden und dem Notwendigsten zum Leben bleibt das ganze Leben irgendwie auf der Strecke – selbst der frei gewählte Töpferkurs und die Wellnessoase scheinen eingezwängt in diesen Alltag, um mal kurz und tief und ruhig durchzuatmen.

 

Dazu kommt: Eine individualisierte Gesellschaft heißt auch, so hat es sinngemäß Ulrich Beck formuliert, das eigene Leben ständig neu zu verhandeln, weil gesellschaftliche Normierungen zwar weiterhin wirken, aber bröseln: Was bin eigentlich ich angesichts tradierter Rollenmuster, gesellschaftlicher Zuweisungen? Wie viele „Beziehungen“ darf ich haben und kombinieren? Ist der Job mein „Job“, der mich fordert, weiter befähigt? Wie viel Herzblut spende ich für welche politische Angelegenheit, im Betrieb, in der Bürger*inneninitiative, im Land? Auch diese Verhandlungen gehören zum ganzen Leben.

Um das eigene Leben gut zu verhandeln, braucht es auch Freundinnen und Freunde, Partnerinnen und Partner – und diese zu haben, braucht auch Zeit. Zeit müsste so kostbar sein, dass sie verschenkt werden könnte. Paradox? Nein. Weil ver- schenkte Zeit mir und anderen Freiraum gibt, das ganze Leben zu erahnen und zu leben.

 

Damit jeder Mensch, der will, den Luxus des regenwarmen Grases am Morgen mit der Tasse Kaffee in der Hand genießen oder sich einen ihm genehmen Luxus leisten kann, bedarf es einer Menge gesellschaftlicher Veränderungen. Diese zu benennen, gemeinsam mit anderen zu diskutieren und zu erstreiten, ist immanent kultur- und kapitalismuskritisch und eine gehörige Portion politischer Sorgearbeit. DIE LINKE will mit einem Zukunftskongress und einer Kampagne diese Arbeit leisten, andere zu diesem Diskurs einladen. Denn eins ist jetzt schon sicher: Der Prekarität, der Unsicherheit des heutigen Lebens müssen wir gesellschaftliche Bedingungen entgegensetzen, die allen Menschen unangefochten soziale Sicherheit bieten – um das ganze Leben leben zu können.

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