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Warum wir eine Care-Revolution brauchen

erschienen in Lotta, Ausgabe 7,

In feministischen Diskussionen spielen Auseinandersetzung um Sorgearbeit und soziale Reproduktion wieder eine wichtige Rolle. Für das Feld hat sich inzwischen das englische Care oder auch Care-Arbeit etabliert. Warum? Der Begriff funktioniert in der politischen Praxis. Es gelingt, darunter verschiedene Akteure, unterschiedliche Felder und Tätigkeiten zu bündeln. Care umfasst bezahlte wie unbezahlte Sorgetätigkeiten, meint Sorge-Empfänger und Empfängerinnen wie auch diejenigen, die Sorgearbeit leisten. Außerdem lassen sich die vielen unterschiedlichen Kämpfe um Lebensweisen und soziale Daseinsvorsorge zusammen denken. Das ist eine politische Stärke.

Im März dieses Jahres hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung im Bündnis mit über 60 Initiativen eine Aktionskonferenz organisiert, auf der über die Notwendigkeit einer „Care-Revolution“ diskutiert wurde. Im Neoliberalismus wurden die Institutionen der öffentlichen Daseinsvorsorge ausgetrocknet. Soziale Dienstleistungen müssen privat hinzugekauft werden. Gleichzeitig wird Reproduktionsarbeit wieder in die Haushalte verschoben, führt dort zu Doppel- und Dreifachbelastung – insbesondere bei Frauen. Burnout, hohe Krankenstände, Zeitstress und Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben sind einige der Folgen. Außerdem entstehen neue soziale Spaltungen – beispielsweise zwischen erwerbstätigen Mittelschichtsfrauen im globalen Norden und Migratinnen, die hier die Care-Arbeit übernehmen. Da wundert es nicht, dass sich soziale Kämpfe zunehmend um Fragen sozialer Reproduktion drehen – und zwar weltweit. Es liegt eine Menge Sprengkraft darin, Care zum Ausgangspunkt gesellschaftlicher Veränderung zu machen und damit den sorgsamen Umgang mit Mensch und Natur in den Mittelpunkt zu stellen.

Sorgearbeit ist die unsichtbare Seite der kapitalistischen Ökonomie. Sie findet auch heute überwiegend im häuslichen Rahmen statt, wird also vom Kapital unbezahlt angeeignet, und wird nach wie vor naturalisiert Frauen zugewiesen. Aus queer-feministischer Perspektive geht es deshalb auch um eine Umverteilung von Arbeit zwischen den Geschlechtern und um eine Kritik an heteronormativen Lebensmodellen. Bestehende Sorgestrukturen – privat wie öffentlich – sind stark auf sogenannte Normalfamilien gemünzt.

Die zentrale Herausforderung für linke Politik besteht darin, individuelle und kollektive Anstrengungen als gemeinsame zu denken und bestehende Kämpfe zu verbinden: Das bedeutet, Kämpfe gegen Diskriminierung mit gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen um gute Pflege zu verknüpfen. Initiativen um bezahlbaren und angemessenen Wohnraum mit Diskussionen um die geschlechtsspezifische Zuweisung sorgender Tätigkeiten. Kämpfe von Menschen mit Behinderung mit denen um gute Bildung und für Zeitsouveränität. Aus feministischer Perspektive geht es um eine andere Ökonomie, um die Umverteilung von Arbeit und den Ausbau des Öffentlichen.

Barbara Fried ist leitende Redakteurin der Zeitschrift LuXemburg und aktiv im Netzwerk Care-Revolution