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Von einem, der auszog, politisch zu werden

erschienen in Clara, Ausgabe 32,

Der Kabarettist Werner Schneyder schreibt in seinem neuen Buch darüber, wie er zum "Meinungsträger" wurde

Künstlerisch erweckte den Schüler Werner Schneyder ein Gedichtband von Erich Kästner: »Zum ersten Mal hatte ich einen literarischen Zeugen, eine Bestätigung für das, was ich mir als weltanschauliche Position zusammengefühlt und zusammengedacht hatte. Dazu kam die brillante, liedhafte Form, diese so selbstverständliche Virtuosität des Reimes, der die Gedanken ausstellt.« So beschreibt er die Szene in seinem jüngsten Buch »Von einem, der auszog, politisch zu werden«. Er ist es bis heute geblieben und steht auch mit 77 Jahren auf der Bühne. Der »heimatlose Linke« trat im Jahr 2007 auf dem Gründungsparteitag der Partei DIE LINKE auf und verfolgt Diskussionen über die Bewältigung der aktuellen Wirtschaftskrise genau: »Das Problem ist, dass man selbst in der Linken noch nicht begriffen hat, dass die Wachstumsideologie an die Wand gefahren ist. Es geht nicht um das Schaffen von Arbeitsplätzen, sondern um das Teilen der vorhandenen Arbeit. Es geht nicht um Wachstum, sondern um bessere Verteilung des Bruttosozialprodukts. Das wäre aus meiner Sicht die linke Position, und wie sich da Flügel streiten können, ist mir unbegreiflich.«

Mit seiner satirisch-lässigen Sichtweise auf die deutschen Verhältnisse wurde der Österreicher Werner Schneyder Anfang der 80er Jahre aufmerksamer und kritischer Begleiter von Veränderungen in der DDR und des späteren Vereinigungsprozesses mit der Bundesrepublik. Mehrfach fuhr er nach Leipzig zur »Pfeffermühle«, erst allein und später mit Dieter Hildebrandt. Er war neugierig auf dieses andere Land mit dem anderen System: »Für uns war der reale Sozialismus ja ein unbekanntes Wesen. Durch drei, vier Ostauftritte als Boxkampfrichter hatte ich ein paar Vorinformationen. Aber über die Kollegen und das Kabarett der DDR habe ich Einblicke gewonnen und konnte mein Urteil schärfen. Und mein Urteil war: Dieses System ist nicht überlebensfähig«. Im Jahr 1991, als die Diskussion über die Kosten der deutschen Einheit aufflammte, kommentierte er: »Nein, ich kann’s wirklich nicht mehr hören, dieses ewige Heulen und Zähneknirschen über die Folgekosten der Wiedervereinigung. Wenn man sich keine Kolonien leisten kann, soll man sich keine kaufen. Die Deutschen haben sich einfach über ihre Verhältnisse vereinigt.« Nun, bald 25 Jahre nach dem Mauerfall, stellt Schneyder fest: »Es gibt einen Übermut des Kapitalismus, der nicht zu erwarten war. Die historische Pointe ist, dass man im Kapitalismus einer gewissen sozialen Balance Raum gab, weil man vor dem anderen System gut dastehen wollte. Jetzt ist es den Kapitalisten egal, jetzt schaut ihnen niemand mehr auf die Finger.« Hier sieht er die Linke in der Verantwortung, sie müsse diese Entwicklung immer wieder anklagen. Denn seiner Meinung nach stehen zu viele in der Politik auf der Lohnliste der Wirtschaft, wie die Reaktion auf den Bankencrash 2008 zeige: »Damals sagte man, es wird eine Finanztransaktionssteuer kommen und die Banken werden reguliert. Nicht einmal Kosmetik findet statt. Der Sinn der Steuer ist doch, eine globale Zockergesellschaft am Geschäftemachen zu hindern. Jetzt sagt die amerikanische Bank Goldman Sachs, die Finanztransaktionssteuer darf nicht eingeführt werden, weil sie die Geschäfte behindert. Sofort kommen ein paar Politiker, mahnen zur Vorsicht und vergessen, dass sie damals gesagt haben, die Steuer müsse eingeführt werden, um die Geschäfte schwieriger zu machen.«

»Sinn« ist ein Schlüsselwort seiner politischen Biografie. Schneyder schreibt, seine Auftritte in der DDR machten Sinn, Diskussionen mit dem Publikum hatten Sinn. Was versteht er genau darunter? »Wenn das, was ich anreiße, einen Disput auslöst, dann hat es Sinn gehabt. Dann hab ich etwas geleistet. Wenn die Leute nur lachen und gehen, dann war es im Sinne des politischen Kabaretts vergeblich.« Und auf die Frage nach jungen Talenten, die an die Tradition von Schneyder und Hildebrandt im TV anknüpfen, kommt er schließlich auf die »heute-show«: »Ich will es nicht politisches Kabarett nennen, aber Mediensatire ist es auf jeden Fall, was der Oliver Welke da im ZDF macht. Die sind wirklich rotzfrech. Ich bin gespannt, wie lange das so geht und wann die ersten Bremsversuche kommen.«

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