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Vom Lebenstraum zu Hartz IV

erschienen in Clara, Ausgabe 9,

Wie Banken und amerikanische Finanzinvestoren Kathy Thedens in den Ruin trieben.

Der Schrecken der Heuschrecken.

Mit Wildwest-Methoden kennt Kathy Thedens sich inzwischen aus. »Sie sollten uns mal langsam die 1,4 Millionen rüberschieben«, meinte unlängst ein Inkassovertreter zu ihr. »Ansonsten sorgen wir dafür, dass Sie demnächst unter der Brücke schlafen!«
Kathy Thedens lässt sich von solchen Drohungen nicht mehr aus der Ruhe bringen. Dafür hat sie in den vergangenen zwei Jahren zu viel erlebt. Los ging alles im Jahr 1996. Damals nahmen Kathy Thedens und ihr Bruder einen Kredit auf, um den heimatlichen Hof und die Stallungen in Negernbötel bei Bad Segeberg in Seniorenwohnungen umzubauen. Doch es lief nicht alles glatt: Weil der Zinssatz enorm hoch war, versuchten sie mit der Sparkasse über eine Umschuldung zu sprechen. Man vereinbarte eine Stundung der Zinsen. Im Jahr 2004 kündigte die Sparkasse plötzlich den Kredit. »Damals erklärte man mir, das sei eine reine Formsache«, erzählt Kathy Thedens. Sie versuchte weiterhin eine Umschuldung. Im Herbst 2006 stand die Finanzierung. Mehrfach boten die Thedens der Sparkasse eine Ablöse-summe an, doch die Sparkasse ging nicht darauf ein.

Ohne Vorwarnung
in den finanziellen Ruin

Kurz vor Weihnachten 2006, ohne Vorwarnung bekam ihr Bruder Post vom Kreditinstitut. »Die Sparkasse Südholstein hat sich entschieden, ein Portfolio notleidender Kredite an die LSF Irish Holdings V Limited, ein Unternehmen der Lone Star Funds, zum 11.12.2006 zu verkaufen«, stand da lapidar. Neuer Kundenbetreuer in der Angelegenheit sei die Hudson Advisors Germany GmbH.
Ein paar Wochen später erhielt die 40-Jährige Post von der Inkassofirma Hudson
Advisors. Thedens las, dass sie nun verpflichtet sei, »den fälligen, noch ausstehenden Gesamtbetrag zurückzuführen«, verbunden mit der Drohung, andernfalls würden »automatisch persönliche und dingliche Vollstreckungsaufträge ausgelöst«. Lone Star, LSF Irish Holdings V Limited, Hudson Advisors Germany, Kathy Thedens hatte all diese Namen noch nie gehört. Sie recherchierte im Internet, »und was ich dort fand, hat mir schier die Sprache verschlagen«. Lone Star Funds ist ein Finanzinvestor aus Dallas, der sein Geschäft mit dem Kauf von Schulden macht. Anders als Banken braucht die Investmentfirma keine Bankerlaubnis und wird von keiner Finanzaufsicht kontrolliert. Anders als bei Banken zählt hier nicht die Kundenbindung, und man sucht keine einvernehmliche Lösung mit den Schuldnern. Stattdessen sind Unternehmen wie Lone Star am schnellen Gewinn interessiert. Und den erzielen sie, indem sie Kreditschulden auf einen Schlag zurückfordern - häufig per Zwangsversteigerung. Die Schuldner werden nach allen Regeln der Kunst in den finanziellen Ruin getrieben.

Kathy Thedens ist kein Einzelfall. Eine Studie des Instituts für Finanzdienstleistungen Hamburg beziffert das Volumen der in Deutschland ohne Wissen der Betroffenen verkauften Kredite - darunter auch etliche mit ordentlicher Bedienung - inzwischen mit rund 15 Milliarden Euro. Hierunter waren auch etwa 25 000 ungekündigte Kreditverträge. Denn nicht nur die sogenannten notleidenden Kredite werden verkauft, zwecks Aufhübschung werden auch gesunde Kredite dem Kreditportfolio beigemischt. Und nicht jeder dieser »notleidenden Kredite« ist selbst verschuldet.

Kreditschuldnerohne Chance

»Es gibt Fälle, in denen Ausfälle von der Bank provoziert wurden«, weiß Frank-Christian Pauli vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. »Etwa durch eine Anschlussfinanzierung, deren Zinssatz maßlos hoch ist.« Auch ein notleidender Kredit muss eine faire Chance haben, saniert zu werden. »Solche Vergleichslösungen waren früher ein fester Bestandteil des Spiels«, sagt Rechtsanwalt Bernd Nicolaus Koch, der Anwalt der Thedens. »Aber die Spielregeln haben sich inzwischen fundamental geändert.« Kreditverkäufe im großen Stil gibt es in Deutschland erst seit 2004. Und mit ihnen kamen die Zwangsversteigerungen: 91800 Immobilien mit einem Gesamtwert von 16,53 Milliarden Euro wurden allein im Jahr 2007 in Deutschland zwangsversteigert. In den USA war im Sommer letzten Jahres der Handel mit den renditeträchtigen notleidenden Krediten geplatzt und hatte eine internationale, bis heute anhaltende Finanzkrise ausgelöst. Experten erwarten, dass mit dem Platzen der Kreditblase weltweit eine Welle dieser sogenannten »leistungsgestörten« Kredite die Finanzmärkte überschwemmt und die Finanzkrise noch verschärft.

Bundesregierung
in Zugzwang

»Dass Finanzminister Steinbrück die Schuld hierfür auf die ›Gier der Banken‹ schiebt, ist unverfroren«, sagt Ulrich Maurer, Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion DIE LINKE. »Es war immerhin die Bundesregierung, die 2004 über die bundeseigene KfW mit der Initiative ›True Sale International‹ explizit das Ziel verfolgte, im lukrativen Verbriefungsmarkt Anschluss an die internationale Konkurrenz zu schaffen. Und dazu wurden diverse kreditpolitische Gesetzesnovellierungen umgesetzt.« Kathy Thedens rief noch im Januar bei ihrer Lokalzeitung an. »Die Heuschrecken sind jetzt auch im Kreis Segeberg gelandet«, schrieb damals die Segeberger Zeitung und berichtete von 67 betroffenen Kunden der Sparkasse Südholstein. Thedens nahm Kontakt auf und gründete die Interessengemeinschaft der Bank- und Sparkassenkunden. Die ist inzwischen bundesweit aktiv und vernetzt Experten und Betroffene miteinander.
Hudson Advisors setzte ziemlich bald einen Zwangsverwalter für den Hof der Geschwister Thedens ein. »Heute sind wir geduldete Gäste in unserer eigenen Immobilie. Meiner 75 Jahre alten Mutter wurde eine Räumungsklage angedroht«, meint die 40-Jährige. Ihre Rentenansprüche wurden gepfändet. Die Inkassofirma verlangte von ihr, eine fünfseitige »Selbstauskunft« auszufüllen. Sie fragte nach Bargeld, wertvollen Haustieren, Kleidungsstücken von Wert und sogar Haushaltsvorräten wie Lebensmitteln. Kathy Thedens weigerte sich, die Fragen zu beantworten.

Vor einigen Monaten hat Kathy Thedens Hartz IV beantragt. Die Arge Kreis Segeberg bewilligte ihr die Leistungen - als Darlehen, weil sie ja Immobilienvermögen besitzt. Ihr Rechtsanwalt strengt zurzeit eine Vollstreckungsabwehrklage an. Sogar die amtierende Bundesregierung registriert inzwischen die Fehlentwicklung bei Kreditverkäufen. Allerdings spät. Denn schon im September 2006 hatte DIE LINKE in einer Anfrage zu Kreditverkäufen an US-Finanzinvestoren auf die Misere aufmerksam gemacht. »Wir fordern, dass die Abtretung von Darlehensforderungen an Nichtbanken verboten wird«, erklärte damals Axel Troost, finanzpolitischer Sprecher der Fraktion. Doch so weit gingen die Pläne der Regierung nicht. Heraus kam diesen Sommer ein Risiko-begrenzungsgesetz, das seinen Namen kaum verdient.

»In dem jetzt verabschiedeten Gesetz sucht man vergebens nach Lösungen, die an die Ursachen herangehen«, sagt Axel Troost.
»Ein Risikobegrenzungsgesetz, das die in der Finanzkrise offensichtlich gewordenen Risiken mit keiner Silbe erwähnt, ist schlicht eine totale Blamage.« Und Ulrich Maurer ergänzt: »Völlig
inakzeptabel ist es, dass Hedgefonds und Investmentbanken auch in Zukunft ihr Nischengeschäft weitgehend ungestört außerhalb der Finanzaufsicht betreiben können.« Der Antrag der Fraktion DIE LINKE »Ausverkauf von Krediten an Finanzinvestoren stoppen, Verbraucherrechte stärken« wurde im Bundestag abgelehnt. Auch Kathy Thedens ärgerte sich über das Gesetz. Aber sie freut sich auch über Erfolge.
Zum Beispiel über den jüngsten Beschluss des Hamburger
Landgerichts in Sachen Kreditverkäufe. Die Richter stoppten eine Zwangsvollstreckung wegen des erheblichen Missbrauchspotenzials bei Finanzinvestoren ohne Banklizenz. Ulrich Maurer ist begeistert: »Das Hamburger Urteil ist eine schallende Ohrfeige, die die Schlampigkeit und Hektik des Gesetzgebers offenbart.«

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