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"Viele Muslime haben Angst"

erschienen in Clara, Ausgabe 35,

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, über die Pegida-Proteste, die Sorgen der Musliminnen und Muslime und die Verantwortung von Politik und Gesellschaft.

Was empfinden Musliminnen und Muslime angesichts der wöchentlichen Aufmärsche gegen eine vermeintliche Islamisierung des Abendlandes?   Aiman Mazyek: Sie machen sich Sorgen, haben Angst. Viele Frauen mit Kopftuch trauen sich nicht mehr auf die Straße. Zwar wissen Musliminnen und Muslime, dass die bei Pegida artikulierten Meinungen nicht die der Mehrheit der Deutschen sind, aber dennoch hat sich das Gefahrenpotenzial erhöht.    Was meinen Sie damit?   Fast im Wochentakt gibt es Anschläge auf Moscheen in Deutschland, werden Musliminnen und Muslime angegriffen, auf der Straße bespuckt oder beleidigt. Viele Musliminnen und Muslime versuchen, unsichtbar zu sein: Sie meiden bestimmte Orte zu bestimmten Zeiten und leben mit dem Gefühl, es könnte was passieren. Ich will nicht dramatisieren, aber ich habe das Gefühl, dass diese wachsende Bedrohungssituation gegen Musliminnen und Muslime in Deutschland oft nicht so wahrgenommen wird.   Sind Sie überrascht von Pegida?   Sprüche und Anfeindungen, wie sie bei Pegida-Demos geäußert werden, bekommen wir mit steigender Tendenz seit Jahren als E-Mails, Briefe oder Anrufe. Ich spreche nicht von Mails im Wochen-, sondern oft im Stunden- und sogar Minutentakt, besonders nach so schrecklichen Ereignissen wie in Paris. Viele dieser Hassschreiben sind sogar mit Namen versehen. Auch daran erkennt man, dass die Hemmschwelle gesunken ist, sich rassistisch, antidemokratisch oder antimuslimisch zu äußern. Diese Stimmung ist schon seit Jahren da, nur haben sich diese Leute bisher nicht auf die Straße getraut. Jetzt tun sie das.    Wie erklären Sie sich, dass mit Dresden oder Leipzig ausgerechnet dort am heftigsten gegen den Islam demonstriert wird, wo es die wenigsten Musliminnen und Muslime gibt?   Dort fehlt es an Verflechtung und Interaktion von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Glaubensgemeinschaften. Man könnte auch sagen: Dort gibt es zu wenige Muslime oder Ausländer, zu wenig Kontakt, Austausch und gemeinschaftliches Leben von unterschiedlichen Ethnien und Religionen.   Warum wächst Ihrer Meinung nach die Islamfeindlichkeit?   Seit Jahren nutzen Rassisten und Rechte quasi eine Art Leerstelle in unserer Gesellschaft aus: Es fehlen erprobte Ächtungsmechanismen gegen Islamfeindlichkeit, wie es sie für Antisemitismus zum Beispiel gibt. Sich offen antisemitisch in der Gesellschaft zu äußern, trauen sich viele Menschen nicht, weil die Gesellschaft das konsequent sanktioniert. Das heißt nicht, dass es weniger Antisemiten gibt. Aber zumindest weiß die Gesellschaft, wie sie sie im öffentlichen Diskurs, in der Politik und den Medien einigermaßen in die Schranken weisen kann. Bei Islamfeindlichkeit ist das noch nicht der Fall, und das nutzen Rassisten aus.   Was sollten Politik und Gesellschaft tun, um Islamfeindlichkeit zurückzudrängen?    Es gibt zwei Ebenen. Symbolpolitik ist wichtig, wie etwa bei der Mahnwache am Brandenburger Tor kurz nach den Terroranschlägen in Paris. Zum anderen braucht es eine kritische Auseinandersetzung darüber, wie Teile der Medien in den vergangenen Jahren agiert haben. Wenn ich an diverse Überschriften und Texte in den sogenannten Qualitätsmedien denke, die von Überfremdung und Islamisierung Deutschlands zu berichten wussten, dann fällt auf: Das sind die gleichen Wörter oder Gedanken, wie sie die Schreihälse von Pediga benutzen. Zudem: Rassismus ist nicht alleine im rechten Milieu verortet, sondern in der Mitte angelangt.   Würden Sie sagen, dass der öffentliche Diskurs in den letzten Jahren dazu geführt hat, dass Islamismus zum Synonym für Islam geworden ist?   In der Tat: Die Trennlinie zwischen beiden Begriffen ist leider nicht scharf genug gezogen worden.    Das Interview führte Benjamin Wuttke.

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