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„Viele Leute merken, dass die heutigen Zustände ungerecht sind.“

erschienen in Klar, Ausgabe 38,

Justin Sullivan, Sänger und Gitarrist der Band New Model Army, über Börsencrashs, Geheimdienste und einen Hoffnungsschimmer

Zu Beginn Ihrer Karriere in den 1980er Jahren regierte Premierministerin Margaret Thatcher mit eiserner Kürzungspolitik in Großbritannien. Heute gibt es in ganz Europa solche Programme. Hat sie gewonnen?

Justin Sullivan: Oh nein! Das wäre ja wie in diesem dummen Buch „Das Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama, das nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erschienen ist. Der Depp meinte: Jetzt ist der Kommunismus hinüber, die westliche Demokratie hat gewonnen, und alles ist gut. Das ist Blödsinn. So funktioniert Geschichte nicht. Ein Freund, der in der DDR aufwuchs, hat mir kurz nach dem Börsencrash des Jahres 2008 gesagt, die Situation erinnere ihn an die letzten Jahre der DDR. Alle wissen, dass das System im Eimer ist, nur niemand hat einen Schimmer, wie man es reparieren kann.


Im Eimer?


Der Crash hat offenbart, dass das Finanzsystem völlig außer Kontrolle ist. Wir beklauen künftige Generationen, und unsere Kinder werden am Arsch sein. Aber die Leute, die die Macht hätten, etwas zu ändern, haben kein Interesse daran. Ihnen geht es ja gut damit.


Vor fünf Jahren haben Sie sich auf der Platte „Today Is a Good Day“ mit der Finanzkrise befasst. Was hat sich seitdem geändert?


Nichts. Die Strukturen, die zum Crash geführt haben, sind noch alle da. Letztlich haben die normalen Leute die Zeche gezahlt. Die Welt ist so organisiert, dass es nur zugunsten weniger Superreicher läuft, nicht zugunsten der großen Mehrheit. Das wird von den neuen rechten Demagogen ausgenutzt.


Beispielsweise von Marine Le Pen in Frankreich oder Donald Trump in den USA?


Genau. Viele normale Leute merken, dass die heutigen Zustände ungerecht sind. Sie haben den Eindruck, dass niemand auf sie hört. Dann kommen diese Monster und behaupten, sie hätten die Antwort. Es sind dumme Antworten wie: „Werft mehr Bomben!“


Ob Thatcher, Tony Blair oder David Cameron – in Großbritannien dominieren seit Jahrzehnten die Neoliberalen. Nun hat die Labour Party überraschend den Sozialisten Jeremy Corbyn zum Vorsitzenden gewählt – ein politischer Gegenentwurf.


Seine Wahl ist ein Hoffnungsschimmer. Die Frage ist: Reicht es in einer Zeit der Demagogen, prinzipientreu zu sein, um als Linker in die Regierung gewählt zu werden? Muss man nicht auch clever sein? Prinzipientreu ist Corbyn sicher. Aber ist er auch clever und charismatisch? Da bin ich unsicher.


Weshalb?


Man wird ihm eine Falle nach der anderen stellen. Und man muss so clever sein, da nicht reinzustolpern. Man muss die Auseinandersetzungen führen, die man gewinnen kann. Und das ist natürlich ein Problem für alle linken Politiker: Man will zu seinen Prinzipien stehen. In der Realität stellt der Gegner Fallen. Sie versuchen, dich in Konflikte zu führen, die du nicht gewinnen kannst.


Ein großer Hit Ihrer Band war „51st State“. Haben Sie heute noch das Gefühl, in einer Art US-Kolonie zu leben?


Na ja, nicht mehr als damals auch. Was mich überrascht, ist die allgemeine Überraschung, dass wir alle durch den US-amerikanischen Geheimdienst überwacht werden. Was haben die Leute denn erwartet? Mich hat das nicht überrascht.


Interview: Niels Holger Schmidt


New Model Army ist eine britische Rock-Band, die ihren Durchbruch im Jahr 1986 mit dem Song „51st State“ erlebte. Das aktuelle Album „Between Wine and Blood“ erschien im Jahr 2014.

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