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Viel gearbeitet – arm im Alter

erschienen in Clara, Ausgabe 26,

Die Rentenkürzungsprogramme der Bundesregierung führen zu steigender Altersarmut. Eine Rente auf Grundsicherungsniveau trotz langjähriger Arbeit – das kann inzwischen viele Menschen treffen

Die Rentenkürzungsprogramme der Bundesregierung führen zu steigender Altersarmut. Eine Rente auf Grundsicherungsniveau trotz langjähriger Arbeit – das kann inzwischen viele Menschen treffen

Das Statistische Bundesamt meldete jüngst einen bedenklichen Rekord. Nach seinen Angaben erreichte die Zahl der Menschen, die im Alter auf staatliche Hilfe angewiesen sind, einen neuen Höchststand. Ende 2011 bezogen demnach 436?000 Senioren Leistungen aus der Grundsicherung. Das sind 5,9 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Seit 2003 ist die Zahl der Bedürftigen um 60 Prozent gestiegen. Zwei Drittel von ihnen sind Frauen. Alarmierend ist eine weitere Angabe: Männer im Rentenalter hatten mit 7,7 Prozent den höchsten Anstieg beim Grundsicherungsbezug. Im Klartext heißt das, dass Männer, die in der Regel bessere Erwerbsbiografien als Frauen haben, ebenfalls zusehends in die Altersarmut abrutschen.

Sebastian Oehmicke ist gerade mal 28 Jahre alt, Busfahrer im Land Brandenburg. "Ich werde wohl auch im Alter abhängig sein von Unterstützung", sagt er. Zu deprimierend sei die Aussicht darauf. Gelernt hatte Sebastian Oehmicke den Beruf eines kaufmännischen Assistenten. Eine Anstellung nach der Ausbildung fand er nicht. So jobbte er als Briefträger, als Möbelpacker und im Großhandel. Immer auf 400-Euro-Basis. Minijobber ohne Rentenversicherung. Nach erheblichen Auseinandersetzungen mit dem Jobcenter erwarb er dann den Busführerschein. Jetzt sitzt der junge Mann 40 Stunden die Woche im Schichtdienst hinter seinem Buslenkrad. Er liebt seine Arbeit. Am Monatsende stehen auf dem Gehaltsstreifen 1.700 Euro brutto.

Viel zu wenig, um im Alter eine Rente zu bekommen, die über der Grundsicherung in Höhe von 688 Euro liegt. Allein um diese Summe zu erreichen, müssten Frauen und Männer 35 Jahre lang 2.500 Euro brutto im Monat verdienen, zeigen Berechnungen des Bundesarbeitsministeriums. Doch welche Berufsgruppe erhält heute noch solche Löhne! Kein Friseur, kein Taxifahrer oder Bäcker, keine Hotelfachfrau oder Beschäftigte im Gaststättengewerbe.

Auch viele Solo-Selbstständige verdienen viel weniger als 2.500 brutto im Monat. Kerstin Kallaus ist eine von ihnen. Vor sechs Jahren eröffnete sie ihren "Stilkeller" direkt am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. Ein kleiner Laden, eine halbe Treppe runter, im für Berlin so typischen Souterrain. Die 50-Jährige verkauft Designer-Geschirr und Dinge, die das Wohnen schöner machen. "Mit dem Wissen von heute würde ich nicht noch einmal in die Selbstständigkeit gehen", sagt sie, "aus Angst vor dem Alter."

Zahl der Erwerbsminderungsrenten steigt

Dabei hat sie ein Leben lang gearbeitet. Als Sekretärin, in der Werbung, im Vertrieb, als Verkäuferin – und immer zahlte sie in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Im Moment beträgt ihre Rentenanwartschaft 700 Euro. Das entspricht in etwa der heutigen Grundsicherung. Als Solo-Selbstständige wollte sie gern weiter in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen. Freiwillig. Geht nicht, sagte ihr die Behörde damals. Für Selbstständige sei das nicht vorgesehen. Eine falsche Auskunft. Jetzt knapst die Frau im Laden sich monatlich rund 130 Euro für eine private Altersvorsorge ab.

Noch dramatischer trifft es Menschen, die eine Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit beziehen. Ingrun Schellhammer lebt in Bad Harzburg im Land Hessen und versucht, mit den bescheidenen Bezügen aus dieser Rentenart auszukommen. Sozialarbeiterin war sie, hatte ihre Hauptstudienfächer Sozialpsychologie und Soziologie mit "Sehr gut" abgeschlossen. Irgendwann brach alles zusammen. Burn-out-Syndrom, Depressionen. Seitdem ist Ingrun Schellhammer eine von 1,634 Millionen Frauen und Männern, die Ende 2011 ihren Lebensunterhalt mit einer Erwerbsminderungsrente bestreiten müssen. Das ist ein Zuwachs von sechs Prozent. Bereits im Vorjahr war die Anzahl der Bezugspersonen um 5,6 Prozent gestiegen.

Das Problem sei, so schildert es die 51-Jährige, dass die krank gewordene Seele äußerlich nicht sichtbar ist und sie deshalb häufig als "Sozialschmarotzer" hingestellt werde. Auch auf Ämtern.

Ganze 310,88 Euro monatliche Erwerbsminderungsrente bekommt Ingrun Schellhammer. Dieser Betrag wird aufgestockt bis zum Hartz-IV-Satz. Es reicht zum Überleben, aber nicht zur sozialen Teilhabe im Alltag. Die schmale Rente aufgrund der Berufserkrankung empfindet sie als Makel. "Sobald jemand nichts mehr leisten kann, ist er auch nichts mehr wert in diesem reichen Deutschland", sagt sie.

 

Mehr Informationen finden Sie unter: www.linksfraktion.de/rente

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