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Verschwiegen. Vergessen. Erinnert.

erschienen in Clara, Ausgabe 33,

Ilse Stöbe war eine Widerstandskämpferin im Stillen. Sie wurde von der Gestapo ermordet. Jetzt steht ihr Name auf der Erinnerungstafel im Auswärtigen Amt.

Schön soll Ilse Stöbe gewesen sein. Blitzgescheit dazu, lebensfroh, nachdenklich, politisch. Und sie war unglaublich jung, als die Nazis sie hinrichteten. Unmittelbar vor Weihnachten, am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee. Sie starb mit nur 31 Jahren unter dem Fallbeil. Die Anklage lautete: Spionage und Hochverrat. Laut Gerichtsunterlagen wurde sie verurteilt „wegen Landesverrats zum Tod und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte“.    Wer war diese Frau? Warum gibt es kaum Spuren von ihr? Und warum bemühte sich DIE LINKE und mit ihr vor allem Wolfgang Gehrcke, stellvertretender Vorsitzender der Fraktion, sowie die Autoren Hans Coppi, Sabine Kebir und Johanna Bussemer immer und immer wieder, Ilse Stöbe zu ehren und sie in unser geschichtliches Gedächtnis zurückzuholen?   Geboren und aufgewachsen ist Ilse Stöbe im Berliner Stadtteil Lichtenberg. Der Vater Tischler, die Mutter Näherin. Als die Tochter Ilse im Mai 1911 geboren wird, gibt es in der Familie bereits einen Bruder. Das Mädchen Ilse ist lernbegierig, sie liebt Bücher, Theater, Sport, Wandern und Musik. Zeitzeugen berichteten, sie habe „ergreifend Lieder von Brahms, Schumann und Schubert interpretiert“. Nach dem Schulabschluss lernt sie den Beruf einer Sekretärin und Stenotypistin, wird vom Chefredakteur des legendären Berliner Tageblatts, Theodor Wolff, ins Chefsekretariat geholt, beginnt schließlich selbst journalistisch zu arbeiten. Sie reist durch Europa, ihre Artikel erscheinen in der Neuen Zürcher Zeitung und in anderen deutschsprachigen Blättern. Parallel dazu beginnt das geheime Leben der Ilse Stöbe.   Sie arbeitet gegen das NS-Regime, fotografiert Dokumente, kopiert Berichte, gibt Unterlagen und Informationen an den militärischen Nachrichtendienst der Sowjetunion weiter. Dafür gewonnen hat sie Rudolf Herrnstadt, bürgerlich-jüdischer Herkunft und ebenfalls Journalist beim Berliner Tageblatt. In Warschau macht Herrnstadt sie mit dem Diplomaten Rudolf von Scheliha bekannt. Ab Mai 1940 bis zum Jahresende 1941 arbeitet Ilse Stöbe unter ihm in Berlin im Auswärtigen Amt. Der Diplomat gibt Interna an sie weiter, ob er wusste, wer der Adressat war, ist bis heute umstritten. Ilse Stöbe warnt den Militärgeheimdienst in Moskau unter anderem mehrfach vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Im Jahr 1942 wird sie im Zusammenhang mit der Widerstandsgruppe Rote Kapelle enttarnt. Doch Ilse Stöbe gehörte keiner der Gruppierungen an, die unter dem von der Gestapo eingeführten Begriff Rote Kapelle später bekannt geworden sind.    Nach dem Krieg wurde sie vergessen. Der Westen stempelte sie in Zeiten des Kalten Kriegs als „Spionin für Stalin“ ab. Der Osten verschwieg sie, weil der frühere Partner Rudolf Herrnstadt in den 1950er Jahren zur politischen Unperson erklärt wurde. Nach der deutschen Wiedervereinigung war es dann Elfriede Brüning, die mit fast 104 Jahren erst kürzlich verstorbene Schriftstellerin, die Ilse Stöbe wieder aus dem Dunkel holte: mit ihrem Buch „Gefährtinnen. Porträts vergessener Frauen“.    Seit dem Jahr 2011 existiert der Antrag der Fraktion DIE LINKE, Ilse Stöbe als Widerstandskämpferin zu würdigen. Auf der großen weißen Tafel im Auswärtigen Amt standen bislang zwölf Namen von Mitarbeitern, die von den Nazis ermordet wurden und als „aktive Widerstandskämpfer“ gelten, darunter auch Rudolf von Scheliha. Im Juli 2014 kam Ilse Stöbes Name hinzu. Feierlich, während einer Gedenkstunde, als erste Frau und einzige Nichtdiplomatin.   

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