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Verbrannt!

erschienen in Clara, Ausgabe 46,

So viele sind noch nie zu dieser alljährlichen öffentlichen Lesung gekommen. Sämtliche Stühle und Bänke waren besetzt, in den Reihen dahinter drängten sich Neugierige, Eingeladene, Zufallsbesucher in doppelten und dreifachen Reihen, die jüngsten hockten einfach auf dem Boden. Lag es am sommerlich warmen Wetter, dass Jung und Alt an diesem 10. Mai 2018 – genau 85 Jahre nach der Bücherverbrennung – auf den Berliner Bebelplatz strömte? Waren es die Künstler, die man hautnah sehen und erleben wollte? Oder war es auch dieses ungute Gefühl, dass das von damals – Hass, Intoleranz, Verfolgung, Ausgrenzung – sich ganz schleichend wieder breitmacht in unserem Alltag?

Ganz still wurde es auf dem weiten Areal, als Ben Becker »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland« spielte. Er trug diese schaurig-schöne Ballade nicht einfach nur vor, er spielte den Text – mit dem Körper, seiner Stimme, seiner Mimik. Sie ist Teil seines Paul-Celan-Programms, mit dem Ben Becker zusammen mit dem jüdischen Musiker Giora Feidman auf Deutschlandtour war. Auch Gabriele Streichhahn, Intendantin des Theaters im Palais, und Carl Martin Spengler, Schauspieler dort, spielten, als sie Erich Kästner vortrugen. Kästner, der 1933 auf dem Platz stand und fassungslos zusehen musste, wie auch seine Bücher den »Flammen übergeben« wurden. Die Theaterleute inszenierten sein »Märchen von der Vernunft«. Da geht um den letzten Krieg, der eine Billion Dollar verschlang, und um die Frage, warum der Frieden für die Menschen nicht auch eine Billion wert sein könnte.

Volker Braun, Schriftsteller, erzählte von Bert Brecht, der keine Bleibe in der Fremde fand. Der Publizist Christoph Dieckmann las Erich Maria Remarques »Geschichte von Annettes Liebe«. Die Hochzeit war schön, die Ehe kurz. Schon mit 17 war Annette Kriegswitwe. Ernst Georg Schwill, der Schauspieler, kommt seit vielen Jahren zur Lesung, erläuterte mit Marx und Brecht »das Einfache, das so schwer zu machen ist« – den Kommunismus. Andrej Hermlin las aus Stephan Hermlins »Abendlicht«. Danach begleitete er auf dem Klavier seinen 17-jährigen Sohn David. Der holte den Swing der 1930er Jahre zurück, brachte jüdische Komponisten in Erinnerung, die – wie sein Großvater auch – von den Nazis aus Deutschland vertrieben wurden. Klaus Lederer, Senator für Kultur in Berlin, unterhielt amüsant mit Magnus Hirschfeld. Der wäre in diesen Maitagen 150 Jahre alt geworden, war Begründer der ersten Homosexuellen-Bewegung in Berlin und des Instituts für Sexualwissenschaft. Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau rezitierte ebenfalls Kästner; Gerd Kegel, der Mann mit der Gitarre und platzgreifenden Stimme, sang »Das Lied vom Kompromiss«, geschrieben von Kurt Tucholsky, vertont von Hanns Eisler.

Beate Klarsfeld, die gemeinsam mit ihrem Mann und vielen anderen seit Jahren auf Spurensuche ist, um den fast eine Million ermordeten jüdischen Kindern ihren Namen und ihr Gesicht zurückzugeben, hielt eine emotionale Rede. Die war so kurz wie berührend: »Die Zukunft hängt nicht von anderen ab, sie hängt von jedem Einzelnen ab.« Darum, so Gesine Lötzsch, die Initiatorin der »Lesung gegen das Vergessen«, sehen wir uns nächstes Jahr auch wieder. Auf dem Bebelplatz, in Berlin, am 10. Mai.

Gisela Zimmer

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