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Verboten –Verfolgt – Vergessen

erschienen in Clara, Ausgabe 27,

Gefängnis, Berufsverbot, Aberkennung der Bürgerrechte – im »Namen der Freiheit« wurden in der Adenauerzeit etwa 200000 politisch links orientierte Menschenverfolgt. Jeder Zwanzigste wurde verurteilt. Ein neuer Dokumentarfilm erzählt von Menschen und Unrecht.

 

Daniel Burkholz, Dokumentarfilmer, Jahrgang 1963, gründete vor sieben Jahren seine eigene Produktionsfirma Roadside Dokumentarfilm. Der Name ist sein Programm: Die Filme – egal, ob sie in Spanien, Indien, Österreich oder Deutschland entstehen – erzählen Geschichten, die kaum im Rampenlicht stehen. Mit »Verboten – Verfolgt – Vergessen« würde er sich »wenig Freunde machen«, wurde ihm prophezeit. Jedenfalls bei der Justiz und großen Teilen westdeutscher Regierungsverantwortlicher. Es geht um ein politisch verschwiegenes Thema. Um Unrechtsurteile, gefällt in den 50er und 60er Jahren in der Regierungszeit Konrad Adenauers. Unzählige Frauen und Männer landeten damals im Gefängnis, sie wurden mit hohen Geldstrafen, Berufsverboten und der Aberkennung ihrer Bürgerrechte belegt.

Ingrid und Herbert Wils zum Beispiel. Das Ehepaar, heute hoch betagt, er 80 Jahre alt, sie 78, erinnert sich vor der Kamera an die Verhaftung, an die Prozesse, an die Entwürdigungen im Gefängnis. Ingrid Wils wird zu neun Monaten Haft verurteilt, Herbert, ihr Mann, ein erstes Mal zu 18 Monaten, später noch einmal zu fünfeinhalb Jahren Haft. Da hatten die beiden schon zwei kleine Kinder. Die Anklage: Staatsgefährdung, Geheimbündelei, Rädelsführerschaft. Ihre sogenannten Verbrechen: Die Wils zählten zu den Linken, gehörten der KPD und der FDJ an. Und sie gingen – wie Tausende andere Menschen auch – nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf die Straße und demonstrierten gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands. Gewaltfrei. Das taten viele: Linke, Bürgerliche, Intellektuelle, Arbeiter, Angestellte, Menschen ohne jegliche Parteizugehörigkeit. Sie waren sich einig in ihrer pazifistischen Haltung »Nie wieder Krieg«. Rosemarie Stiffel, eine weitere Zeitzeugin im Film, sagt: »Ich saß öfter im Bunker als auf der Schulbank im Krieg.« Mit so einer Erfahrung muss man sich wehren gegen jede Art von Remilitarisierung.

Bestraft wurde diese Haltung jedoch fast ausschließlich bei linksoppositionellen Menschen. Die CDU-Regierung unter Konrad Adenauer hatte 1951 das Strafänderungsgesetz, auch »Blitzgesetz« genannt, erlassen. Bis 1968 gab es insgesamt rund 200000 Ermittlungsverfahren, jede zwanzigste polizeiliche Untersuchung und Verfolgung führte zu einer Verurteilung. Das heißt, etwa 10000 Frauen und Männer verschwanden manchmal für Jahre hinter Gittern. Für ein Urteil reichten Kontakte zur DDR, die Mitarbeit in Ersatzorganisationen der im Jahr 1956 verbotenen KPD oder auch sogenannte Beweise nur vom Hörensagen.

Der Film »Verboten – Verfolgt – Vergessen« macht ganz still. Ohne Heldenpathos sprechen die Betroffenen über ihre gestohlene Jugend, ihre Kriminalisierung, darüber, wie sie kaum Jobs nach der Haftentlassung fanden, in die Illegalität gingen und als Menschen zweiter Klasse abgestempelt wurden. Alle verloren den Pass, durften nicht wählen, blieben ohne bürgerliche Ehrenrechte, manchmal über Jahre hinweg.

Daniel Burkholz hatte auch das Bundesjustizministerium um ein Gespräch gebeten. Ohne Erfolg. Bis heute gab es keine einzige Rehabilitierung durch die deutsche Justiz. »Verboten – Verfolgt – Vergessen« eröffnet die Chance, öffentlich über dieses dunkle Kapitel westdeutscher Geschichte zu diskutieren.

 

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