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Unterwegs im Wahlkreis

erschienen in Clara, Ausgabe 13,

Rot ist das Markenzeichen von Dagmar Enkelmann. Diese Farbe drückt nicht nur Gefühle, sondern vor allem ihre Überzeugung aus.

Dagmar Enkelmanns Alltag ist klar strukturiert. Seit sie Erste Parlamentarische Geschäftsführerin (PGF) der Fraktion DIE LINKE ist, um so mehr. Das Jahr teilt sich in Sitzungs- und Wahlkreiswochen. Klingt einfach und überschaubar. Weit gefehlt. Es ist ein ausgefeiltes Netzwerk, das von ihr und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Bundestag wie in ihren Wahlkreisbüros in Bernau und Strausberg ständig abgestimmt wird. Dagmar Enkelmann ist keine »Eigenweltbewohnerin«. Darauf legt sie Wert. Als Abgeordnete des Bundestages will sie volksnah sein. Eine, die die Sorgen von Hartz IV und Arbeitslosigkeit kennt, die sich darum kümmert, dass diese kleiner werden. Damit lädt sie sich Arbeit auf, viel Arbeit. Die Gefahr, dass man die Hoffnungen der Bürgerinnen und Bürger enttäuscht, die einem das Mandat gaben, für sie Politik zu machen da ganz oben, diese Gefahr ist übermächtig. Dagmar Enkelmann kennt dieses Potenzial abzuheben, Bodenhaftung zu verlieren, wenn sich Volksvertreter mit den Realitäten im Leben nicht mehr beschäftigen. Die Brandenburgerin steuerte von Anfang an dagegen. Seit 1990 ist sie auf mehreren politischen Ebenen zu Hause. In der Bundes-, Landes- und in der Kommunalpolitik - dort als Fraktionsvorsitzende im Bernauer Stadtparlament.
Dagmar Enkelmann nimmt es sehr genau mit allem, was sie tut. Das kann nerven - ihre Mitarbeiter könnten dazu einiges erzählen.

Niemand wird abgewiesen

Die oberste Devise ihrer »Chefin« ist: »Niemand, der mit einem Problem in mein Wahlkreisbüro kommt, wird abgewiesen.« Menschen, die den Weg zu ihr finden, brauchen Hilfe. Sie kann nicht alle Anliegen, die an sie herangetragen werden, erfüllen, aber sie kann weitervermitteln. Ihre Überzeugungskraft ist ebenso legendär wie ihre Willensstärke. »Einen Fuß in der Tür zu haben reicht nicht«, sagt sie, »man muss auch hineingehen.«

Nachdem ein Vermieter einer Berliner Hartz-IV-Betroffenen androhte, sie aus der Wohnung zu werfen, weil sie unverschuldet Mietrückstände hatte, wandte sich die Mutter von zwei Kindern an Dagmar Enkelmann. Trotz gültigen Bescheides bekam die Frau kein Geld. Mehrere Anrufe des Wahlkreisbüros beim Geschäftsführer des Job-Centers beschleunigten den Prüfvorgang. In nur 14 Tagen war die Angelegenheit geklärt, die rückständigen Mieten überwiesen. Wenn so »eine Sache« im Reinen ist, blitzt der Schalk aus den hellbraunen Augen der Abgeordneten. Ja, lachen kann sie herzerfrischend, auch über sich selbst.

Manchmal spielen Sitzungs- und Wahlkreiswoche ein gemischtes Doppel. Für den 15. Mai, einen Freitag in einer Sitzungswoche, sieht der Kalender »Kärrnerarbeit« im Wahlkreis vor. Es gibt Termine, die sind ihr »heilig«. So einer ist die Eröffnung der Ausbildungs- und Studienbörse von Bernau. Dieser »Marktplatz«, auf dem sich junge Menschen, die Studien- oder Ausbildungsplätze suchen, mit Firmen, Universitäten und Hochschulen der Region treffen, wurde an dem Tag bereits zum 12. Mal veranstaltet. Die Aula des hochmodernen Paulus-Praetorius-Gymnasiums in Bernau ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Politik-Prominenz hat sich angesagt. Die Brandenburgische Wissenschaftsministerin, ein Mitglied des Europaparlaments und Mitglieder verschiedener Fraktionen des Bundestages verleihen der »Börse« Gewicht. Bildung ist wichtig, überlebenswichtig in einem Bundesland mit hoher Arbeitslosigkeit allerorts.

Die Presse notiert eifrig in ihre Schreibblöcke, was sich aus dem Munde von Politikern gut anhört: »Wir brauchen Sie«, ruft einer über mehrere Stuhlreihen zu den jungen Leuten hinüber. Sie seien das Aushängeschild für Brandenburg, meint ein anderer, und dass die Wirtschaftskrise keine Systemfrage, sondern eine Frage des Vertrauens sei. Dagmar Enkelmann sitzt in der Aula in der ersten Reihe der Ehrengäste. Sie weiß, dass manche der anwesenden Schülerinnen und Schüler zu Recht arge Zweifel an solchen Worten haben. Die hat sie auch. Sie kennt die Probleme hautnah. Ihre jüngste Tochter lebt noch zu Hause und macht gerade das Abitur. Als Mutter von drei Kindern hat die Politikerin alle Hochs und Tiefs in der Entwicklung ihrer Sprösslinge miterlebt. Das mache Politik manchmal leichter, sagt sie.

Wahlkreisarbeit ist Kärrnerarbeit

Tatsächlich! Wer an diesem Maitag mit der Politikerin treppauf, treppab zu den einzelnen Infoständen im Gymnasium unterwegs ist, staunt nicht schlecht. Nur mühsam kommt die Parlamentarierin voran. »Hallo Frau Enkelmann… wissen Sie noch?« Ein fragender Blick trifft die Teenager. Dann erinnert sich die blonde Frau mit der roten Jacke. »Bei Euch habe ich die Jugendweiherede gehalten.« Genau. Ein paar Schritte weiter ruft wieder jemand: »Auf ein Wort, Frau Enkelmann…!« Sie weiß, dass es nicht bei einem Wort bleibt, sondern dass jetzt Zeit und Zuhören gefragt sind. Die Rückfragen der Politikerin kommen präzise und zielgerichtet. Sie wisse zwar nicht mehr in jedem Fall den Namen ihres Gegenübers, erläutert sie später, aber an den Sachverhalt oder das Problem, daran könne sie sich gut erinnern. Sie sei Verfechterin einer Politik der kurzen Wege. Wie zum Beweis dafür stellt sich ihr Gudrun Gaethke, Vorsteherin der Bernauer Stadtverordneten, zusammen mit einem jungen Mann in den Weg. Kenneth Kieserling hat eine Ausbildung zum Lebensmitteltechnologie-Assistenten mit sehr gutem Abschluss gemacht. Nun will er seinen Traum »Ökotrophologe« verwirklichen. Doch sein Studium droht im Labyrinth der Bildungsbürokratie zu scheitern. Der Abschluss werde entgegen aller Zusagen nicht anerkannt. Letzte Hoffnung ist Dagmar Enkelmann. Sie hört zu und bittet ihn, in den nächsten Tagen in ihr Büro zu kommen. Für den jungen Mann ist es ein Lichtblick, wenigstens für den Moment. Es ist das Gefühl, angenommen und nicht - wie so oft - abgeschoben zu werden. Manchmal reicht schon das. Doch nicht für die linke Stadtverordnete. Eine Idee muss zu Ende geführt werden, auch wenn das mitunter sehr lange dauert.

Ein Tag wie dieser ist zum Glück dazu angetan, auch stolz auf Erreichtes zu sein. Am Nachmittag ist Dagmar Enkelmann zum 1. WoBau-Hof-Fest eingeladen. Fröhliche Gesichter und der Duft frisch gegrillter Bratwurst empfangen sie, als sie mit ihrem Fahrrad in der Weißenseestraße 27 ankommt. Viel hat sich in den vergangenen Monaten hier getan. Seit Anfang April leben mitten im Stadtzentrum von Bernau sechs Familien und Einzelpersonen mit geistiger und psychischer Behinderung in komplett sanierten schönen Wohnungen. Betreut werden sie ambulant von den evangelischen Hoffnungstaler Anstalten Lobetal. Die zentrale Lage des neuen Zuhauses eröffnet den Menschen mit Handicap neue Lebensräume und die Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben. Zur Feier des Tages gibt es nicht nur lobende Reden auf die Initiatoren des Projekts, sondern es wird auch gesungen. »Singe dem Herrn, denn er tut Wunder.« Die anwesenden Stadtmütter und -väter singen mitunter falsch, aber dafür kräftig mit. Sie wissen, dass Bernau noch nicht ausreichend Wohnraum für behinderte Menschen hat. Immerhin: Das Haus in der Weißenseestraße ist ein Anfang, dem weitere Einrichtungen folgen sollen. Und ein wenig Gottvertrauen kann dabei recht hilfreich sein.

Es sind die kleinen Schritte, die zum Erfolg führen, die glaubwürdig Vertrauen schaffen zwischen den Einwohnern und ihrer Volksvertreterin Enkelmann. Um für ihre Ideen, für linke Politik zu werben, gehen sie und ihre Mitarbeiter buchstäblich überall »Klinken putzen«: in Schulen, Betrieben, Museen oder in der Bürgersprechstunde unter freiem Himmel, beim sonntäglichen Talk »Offene Worte«. Im Artistenmuseum Klosterfelde heißt sie inzwischen anerkennend »die Enkelmann«. Sie genießt den Erfolg, besonders dann, wenn er unverhofft kommt, wenn jemand sagt - tolle Idee,und Sie sind bei den LINKEN?

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