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„Unsere Texte sind der Sprengkopf“

erschienen in Klar, Ausgabe 40,

Laut Klischee handeln die Texte beim Death Metal von Gemetzel und Blutvergießen. Sie dagegen singen über Geschichte und Politik. Warum?

Maik Weichert: Blutvergießen gibt es auch in unseren Songs. Stücke über den Mord an Rosa Luxemburg oder den Völkermord an den Herero und Nama (in Deutsch-Südwestafrika Anfang des 20. Jahrhunderts; Anm. d. Red.) können nicht unblutig sein. Aber bei uns stehen nicht Gewaltdarstellungen im Mittelpunkt, sondern die Ereignisse. Wir wollen den Menschen Geschichten erzählen, über die sie politisch nachdenken können.

Woher kommt dieser Unterschied zu anderen Metal-Bands?

Aus unserer Bandgeschichte. Wir haben als Band angefangen, weil wir unsere politische Meinung kundtun wollten. Bei Gitarre und Schlagzeug hören mehr Menschen zu, als wenn man Flyer verteilt. Manche Leute wollen unsere Band von der politischen Dimension der Texte trennen. Das geht nicht. Die Musik ist die Trägerrakete, die Texte sind der Sprengkopf. Der eine Teil bringt den anderen ins Ziel.

Wie kommt das in der unpolitischen Metal-Szene an?

Die Frage ist: Was ist politisch? Natürlich haben auch andere Bands, etwa Metallica, Anti-Kriegssongs veröffentlicht. Aber wenn es um explizit politische Texte geht, muss man beim Metal-Publikum mit erheblichen Einbußen bei den Plattenverkäufen rechnen. Die Klientel und ihre Weltbilder sind eher konservativ. Insofern halten viele Bands politisch bewusst die Klappe. Sie wollen bestimmte Käufer nicht vergraulen – auch wenn man bei Konzerten dann ein paar Leute mit Band-Shirts hat, die man lieber nicht haben will. Uns ist es nicht egal, wer uns hört. Wer unsere Musik kauft, weiß, welcher politischen Strömung das zugutekommt, auch durch Spenden. Das sorgt für mehr Spaß auf unseren Konzerten, weil bestimmte Idioten eben nicht auftauchen.

Sie kommen aus Thüringen. Dort sorgt der AfD-Führer Björn Höcke mit rassistischer Hetze für Negativschlagzeilen. Wie ist es, Höcke auf dem Erfurter Domplatz zu erleben?

Da muss ich mich selbst an meine demokratischen Überzeugungen erinnern, damit ich keinen Pflasterstein Richtung Bühne werfe. Aber er wird nicht der neue Führer der radikalen Rechten. Das wäre er gern, aber das Format fehlt ihm. Erst mal ist er Gymnasiallehrer. Als Schüler könnte ich den nicht ernst nehmen. Aber ein Haufen Erwachsener, die Angst vor der Zukunft haben, hängt an seinen Lippen. Unfassbar! Ich habe ihn ein paarmal live erlebt, auch im Thüringer Landtag. Er ist eine zutiefst negative Gestalt, wie ein Dämon in einem Roman, der sich von Angst ernährt.

Ihr Lied „They Shall Not Pass“ handelt von Einwohnern des Londoner East Ends, die im Jahr 1936 einen faschistischen Aufmarsch verhindert haben. Ist es heute nötig, Pegida oder der AfD auf der Straße entgegenzutreten?

Natürlich. Vor einigen Jahren konnte man das ja noch entspannt sehen. Damals trafen sich 80 verirrte Faschos zu einer Demo, und es kamen Tausende Gegendemonstranten. Die Faschos waren Anlass, sich zu versammeln und sich bewusst zu machen: Das ist der Gegner. Eine Art Impfstoff für die demokratische Zivilgesellschaft. Heute ist die Dimension beängstigend. Es ist umso wichtiger, Flagge zu zeigen.

Was kann man denn von den Ereignissen im Londoner East End lernen?

Es gab damals einen gewissen gesellschaftlichen Grundkonsens. Da waren jüdische Ladenbesitzer, irisch-katholische Hafenarbeiter, Kommunisten, Sozialisten, die zusammengestanden und den Faschos gesagt haben: Verpisst euch! Und davon haben die sich in England nie erholt. Das war ein beeindruckender Zusammenschluss. Das wollten wir den Menschen mit dem Song vermitteln. Heute richten zu viele Leute mit dem Ikea-Katalog ihr heimeliges Nest ein und scheren sich einen Dreck um das, was draußen passiert.