Zum Hauptinhalt springen

„Unsere Musik motiviert, selbst aktiv zu werden“

erschienen in Klar, Ausgabe 42,

In diesem Jahr läuft die Abschiedstour von Irie Révoltés. Seid ihr mit Mitte 30 nicht zu jung für die Rockerrente?

Mal Élevé: Rockerrente? Schön wär’s! Für uns und für die Band ist der Moment gekommen, gemeinsam aufzuhören. Aber wir lehnen uns noch lange nicht zurück. Es wird neue Aktionen und neue Projekte geben.

Ihr habt gegen Nazis und Rassismus gesungen und aus Solidarität mit Flüchtlingen. Jetzt rollt eine rechtsextreme Welle über Europa. Ist der Zeitpunkt des Abschieds nicht denkbar schlecht?

Carlito: Den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören gibt es nie. Unsere Entscheidung hat nichts damit zu tun, wie die Welt heute aussieht. Leider kann man mit Musik die Welt nicht komplett verändern. Man kann Leute zum Nachdenken anregen und animieren, selbst aktiv zu werden. Das haben wir mit der Band immer versucht.

Euer Song „Fäuste Hoch“ handelt von Aufstand und Rebellion. Wie viel Rebellion hinterlässt Irie Révoltés?

Carlito: Wir haben immer Kraft daraus gezogen, dass wir etwas in einzelnen Leuten auslösen können. Unser Motor war es, nach den Konzerten mit den Menschen zu sprechen, und wir haben mitbekommen, dass Leute durch uns aktiv wurden. Wir haben es geschafft, Leute zu motivieren, sich für gesellschaftliche Veränderungen einzusetzen, zum Beispiel indem sie das Projekt „Viva con Aqua“ unterstützen, das Menschen weltweit den Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglichen will.

Ihr seid sowohl in Deutschland als auch in Frankreich verwurzelt. In beiden Ländern steht der Kampf gegen die radikale Rechte auf der Tagesordnung.

Mal Élevé: In Deutschland äußert sich der Rassismus viel krasser und viel aggressiver auf der Straße: Nazi-Aufmärsche, Übergriffe, angezündete Flüchtlingsheime. In Frankreich trauen sich die Nazis weniger auf die Straße. Dort läuft der Rassismus subtiler. Zugleich ist der rechtsextreme Front National dort viel stärker als die AfD hierzulande.

Was können Antifaschistinnen und Antifaschisten auf beiden Seiten der Grenze voneinander lernen?

Mal Élevé: Die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und breiten Teilen der Bevölkerung läuft in Frankreich sehr gut. Davon könnte die deutsche Seite etwas lernen. Andersrum ist die hiesige Antifa-Szene sehr gut organisiert.

Ihr seid bei vielen politischen Anlässen aufgetreten. An welchen Auftritt habt ihr besonders starke Erinnerungen?

Carlito: Es wäre jetzt blöd, einen einzigen Auftritt hervorzuheben. Die Anliegen, für die wir uns als Band eingesetzt haben, waren alle gleich wichtig. Es gab aber Momente, die besonders beeindruckt haben, auch emotional. 

Welcher Moment war das?

Mal Élevé: Das war definitiv Heiligendamm 2007, die großen Proteste gegen den G8-Gipfel. Das ist emotional hängengeblieben, auch weil es sich um eine riesige Anzahl von Leuten handelte.

Carlito: Von der politischen Wichtigkeit her war aber jede kleine Anti-Nazi-Demo und jedes Refugees-Welcome-Konzert genauso wichtig.

 

Ihr habt angekündigt, dass der Kampf für eine bessere Welt niemals aufhören wird. Wie geht er im nächsten Jahr weiter?

Carlito: Das kann ich noch verraten. Nur so viel: Es werden musikalische, aber auch rein politische Projekte sein.

Also wird in Zukunft politisches Engagement eine noch größere Rolle spielen?

Mal Élevé: Das handhaben die Mitglieder der Band sehr unterschiedlich. Ich persönlich freue mich darauf, mehr Zeit für Anliegen zu haben, die bisher etwas kurz kamen.

 

Kannst du ein konkretes Projekt nennen?

Mal Élevé: Bereits in diesem Jahr habe ich versucht, mich um Aufklärungsarbeit an Schulen zu kümmern. Für junge Leute habe ich Workshops organisiert, wir haben mit Geflüchteten zusammen Musik und Sport gemacht. Es geht darum, die jüngere Generation von Vorurteilen wegzubekommen durch direkte Begegnungen und Aufklärungsarbeit.

Auch interessant