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Umrüsten jetzt

erschienen in Clara, Ausgabe 11,

Längst hat die Wirtschaftskrise die Automobilindustrie erfasst. Es ist Zeit für Ideen. Es ist Zeit, die Krise der Autoindustrie zu nutzen.

Zwangspausen zum Jahreswechsel, Kurzarbeit und die Entlassung von Leiharbeitern sind untrügliche Symptome: Die Finanzkrise hat die Wirtschaft im Griff. Regierungen in Bund und Ländern zeigen Herz für »ihren« regionalen Autobauer und legen milliardenschwere Notprogramme auf. Ausdruck dieses Aktionismus ist auch die »Ab-wrackprämie« von 2500 Euro, die die Halde unverkaufter Pkw abbauen soll.

Ob solche Maßnahmen die grundlegenden Probleme der Branche lösen und Millionen Menschen wieder eine sichere Perspektive vermitteln können, ist fraglich. Denn die Autoindustrie hat seit Jahrzehnten gewaltige Überkapazitäten aufgebaut und tut das immer noch. Weltweit beträgt ihre jährliche Produktion 60 Millionen Pkw, doch der Absatz liegt bei nur 50 Millionen. Allein der Weltkonzern VW könnte jährlich sieben Millionen Autos produzieren, er baut und verkauft derzeit nur sechs Millionen.

Die Autokrise verschärft den Wettbewerb zwischen Standorten, Konzernen und Nationen und begünstigt Lohn-, Sozial- und Ökodumping. Was auch immer derzeit Unternehmen und Regierungen zur Behebung anregen: ihnen fehlt eine nachhaltige ökologische und soziale Strategie. Es geht auch anders: Warum nicht die Krise als Chance für ein konsequentes Umdenken und ein Umrüsten der Produktion ansehen? Solche Ideen gab es schon vor 30 Jahren, als Belegschaften englischer und deutscher Rüstungsbetriebe alternative Produkte konzipierten.

So fordern die Abgeordneten Ulla Lötzer, Axel Troost und Herbert Schui für DIE LINKE. im Bundestag einen demokratisch kontrollierten Staatsfonds für Industrieinnovation und Zukunftssicherung. Dieser solle »zu einem Instrument günstiger öffentlicher Kredite oder Subventionen oder Beteiligungen für Innovationen in der Industrie - z.B. für neue Verkehrssysteme, eine ökologische Energieversorgung oder ressourcensparende Produktion - ausgebaut werden.«

Dass solche Ansätze keine Hirngespinste sind und Hightechbetriebe der Autobranche viel mehr hervorbringen könnten als Spritfresser auf Rädern, bestätigen Praktiker aus der Industrie. So forderte VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, dass sich der Konzern »unabhängiger von der Autoproduktion« machen solle.

Vielen Technikern und Ingenieuren bereite es »mehr Freude, an der Entwicklung einer Brennstoffzelle zu arbeiten als an dem Design eines Handschuhfachs«, kommentiert der ehemalige Stuttgarter Daimler-Betriebsrat Gerd Rathgeb Erfahrungen in einem betrieblichen Umwelt-Arbeitskreis: »Sie wollen mitsprechen, wenn es um die ökologische Verträglichkeit und Nachhaltigkeit der Produkte geht.«

Es steht außer Frage, ein Umbau der Automobil- und Zuliefererindustrie ist nötig und möglich. Pläne für eine ökologisch sinnvolle Produktion - etwa Blockheizkraftwerke oder alternative Energiegewinnung - sind bereits in manchen Forschungsabteilungen der Autokonzerne vorhanden und könnten in weniger als zwei Jahren in Serienproduktion umgesetzt werden. Stephan Krull, ehemaliger VW-Betriebsrat und Mitglied im Attac-Rat, ist überzeugt, dass auch Gezeiten- und Strömungskraftwerke, Meerwasserentsalzungsanlagen, Brunnen und Pumpen für Dörfer sowie umweltverträgliche Verkehrssysteme machbar sind. Sie kommen allen Menschen zugute und fördern die Mobilität.

Damit eine solche Umrüstung gelinge, müsse die Qualifizierung der Beschäftigten für neue Produkte gefördert werden. Arbeitszeitverkürzung sei »ein vorrangiger Schritt, weil das Kräfteverhältnis sich ändert und Zeit für neue Überlegungen frei wird«, so Krull. Ohne eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse, der Verfügungsgewalt und eine damit einhergehende Demokratisierung der Wirtschaft seien solche Veränderungen jedoch nicht möglich, ist der Gewerkschafter überzeugt.

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