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Umkämpfte Erinnerung

erschienen in Clara, Ausgabe 36,

Wenn in Deutschland des 70. Jahrestags der Befreiung von der Barbarei gedacht wird, geht es nicht nur um Vergangenheit, sondern um die Zukunft, meint Georg Fülberth.

Selbst das Datum ist geteilt: Die Kapitulation Deutschlands erfolgte nach westlichem Längengrad am 8., nach östlichem am 9. Mai 1945.

Noch in der totalen Niederlage versuchte die Rest-Führung des Nazi-Reichs den Kern von Adolf Hitlers Strategie zu retten. Diese bestand in der Zerschlagung der Sowjetunion. Der Krieg gegen Frankreich, Großbritannien und die USA war nur als Kollateral-Konflikt eingeplant, für den Fall, dass diese sich nicht arrangierten. US-Präsident Theodore Roosevelt, der britische Premierminister Winston Churchill und der französische General de Gaulle machten nicht mit, und daraus ergab sich ab dem Jahr 1941 die Anti-Hitler-Koalition. Die Führung der geschlagenen Wehrmacht versuchte zu erreichen, dass die Westmächte es bei einer am 7. Mai erfolgten Kapitulation in Reims beließen, die Sowjetunion also draußen blieb. Der US-amerikanische Oberbefehlshaber Eisenhower sah keinen Anlass, sich darauf einzulassen. So kam es zur neuerlichen Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde, diesmal auch vor dem sowjetischen Marschall Georgi Schukow, in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 in Karlshorst. Ob das Plänchen des Hitler-Nachfolgers Karl Dönitz, des Chefs des Oberkommandos der Wehrmacht Wilhelm Keitel und des Generalobersten Alfred Jodl damit für alle Zeit gescheitert war – dies soll im Folgenden bedacht werden.

Zunächst machten die Siegermächte klar, wer am 8./9. Mai 1945 befreit worden war: die von Hitlerdeutschland überfallenen Völker Europas. Die Deutschen waren zunächst Besiegte, sonst nichts. Ihre Niederlage war eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für deren eigene Befreiung von ihrer bisherigen Beteiligung am Faschismus als Täter und Mitläufer (zumindest in ihrer überwältigenden Mehrheit). Eine Chance hierfür erhielten sie durch die Konzepte einer gründlichen Entnazifizierung in Ost und West. Das war zunächst ein gesamtalliiertes und gesamtdeutsches Programm.

Mit Beginn des Kalten Kriegs las man es anders. Die von Konrad Adenauer propagierte „Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit“ zielte unverhohlen auf die Wiederherstellung des Reichsgebiets in den Grenzen von 1937. Hier figurierte der 8./9. Mai als schreckliche Niederlage, die korrigiert werden sollte.

Als die sozialliberale Koalition mit ihrer Neuen Ostpolitik diesen Traum beendete und die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs als Voraussetzung eines friedlichen und demokratischen Neubeginns definierte, bremste das Bundesverfassungsgericht: In einem Urteil im Jahr 1973 stellte es fest, das alte Reich von 1937 bestehe fort und sei durch die gegenwärtigen Kräfteverhältnisse nur an seiner Realisierung gehindert. Wieder blieb der 8./9. Mai 1945 ein Störfall.

Immerhin kam im Zuge der Entspannungspolitik für einen winzigen Moment die Anti-Hitler-Koalition noch einmal zusammen: bei der Unterzeichnung des Viermächteabkommens über Berlin im ehemaligen Kontrollratsgebäude am 3. September 1971.

Nach der Überrüstung der Sowjetunion durch die Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckenraketen in Europa erklärte der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU im Deutschen Bundestag, Alfred Dregger, das Ende des Zweiten Weltkriegs noch einmal als Niederlage. Angesichts des neuerdings veränderten Kräfteverhältnisses lag der Gedanke an eine nachträgliche Aufhebung dieses Missgeschicks nahe. Am 5. Mai 1985 legten Kanzler Helmut Kohl und US-Präsident Ronald Reagan einen Kranz auf dem Soldatenfriedhof Bitburg nieder, wo neben US-Soldaten auch Gefallene der Waffen-SS liegen. Die Sowjetunion, ein Partner der Anti-Hitler-Koalition, wurde zum x-ten Mal als Reich des Bösen abgestempelt.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker witterte hier eine Gefahr. Diejenigen, die auf eine Beseitigung der Nachkriegsordnung spekulierten, mochten zwar davon ausgehen, dass die UdSSR nicht mehr viel dagegen unternehmen konnte, aber es war auch Misstrauen im Westen zu überwinden, das durch neue martialische Gesten und Worte wiederbelebt werden konnte. In seiner Rede vom 8. Mai 1985 erklärte der Bundespräsident deshalb, die Kapitulation sei eine Befreiung gewesen. Ganz nebenbei gönnte er seinen Landsleuten auch noch eine Art Lebenslüge: Sie konnten sich, soweit sie im Jahr 1945 schon erwachsen waren, einreden, von einem bei ihnen verhassten Regime erlöst worden zu sein. Das war dann legitim, wenn die Kapitulation inzwischen tatsächlich als positiv akzeptiert wurde. Angesichts der erfolgreichen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg empfanden die Westdeutschen das immerhin schon dreißig Jahre zurückliegende Ende des Faschismus nicht als ihre persönliche Niederlage, da durfte man diese gern auch eine Befreiung nennen.

Noch ein weiteres Mal wurde die Szene vom 8./9. Mai 1945 nachgestellt, jetzt aber mit umgekehrter Bedeutung: Am 12. September 1990 bei der Unterzeichnung des 2+4-Vertrags in Moskau. Wieder waren die Großen Vier von einst versammelt. Die Deutschen, die gleich in zweifacher Ausfertigung (BRD und DDR) auftraten, waren – anders als einst Keitel und seine Kameraden – nicht mehr die Verlierer. Statt der Kapitulation Deutschlands wurde jetzt die der Sowjetunion unterschrieben.

Im Westen möchte man lieber unter sich sein

Nicht nur für einstige Kalte Krieger war es ein wenig anstrengend gewesen, ausgerechnet Josef Stalin zu den Urhebern der von Richard von Weizsäcker verkündeten Befreiung zu zählen. Mit Michail Gorbatschow ging das schon leichter, allerdings nicht in Zusammenhang mit 1945, sondern mit 1990. Die Bild-Zeitung rief ihn zum „Ehren-Deutschen“ aus. Vor allem in Polen und den baltischen Ländern entstand ein neues Geschichtsbild: im Jahr 1945 Befreiung von der nationalsozialistischen, ab dem Jahr 1989 von der kommunistischen Unterdrückung. Antikommunisten in den neuen Bundesländern mögen dem zustimmen.

In den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren die Repräsentanten des russischen Staats beim Gedenken an das Jahr 1945 noch gern gesehen. Spätestens seit der Ukraine-Krise möchte man im Westen lieber unter sich sein. Bundespräsident Joachim Gaucks Russland-Phobie und Kanzlerin Angela Merkels Putin-Bashing positionieren Deutschland unter den Frontstaaten im Kampf gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin: nicht mehr Karlshorst, sondern Reims.

Schon im Februar 1985, zwei Monate vor der Weizsäcker-Rede, hatte der Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza in einer Kolumne mit dem Titel „Tanz in den 8. Mai“ folgende Zeitdiagnose gegeben: Nicht Deutschland habe den Zweiten Weltkrieg verloren, sondern die von ihm überfallene Sowjetunion. Diese habe sich von ihren Verlusten niemals mehr völlig erholt, während die Bundesrepublik nicht nur straffrei ausging, sondern auf der ökonomischen Basis weitermachen konnte, die das Kriegsende unbeschadet überstand.

Aus dieser Sicht war das, was ab dem Jahr 1989 geschah, nur logisch. Die Erfolgsstory erlaubt nunmehr auch noch eine Modifikation der Weizsäcker-These. Gauck wird nicht müde, es zu verkünden: Nicht trotz seiner Nazi-Verbrechen und der ihnen folgenden Niederlage sei Deutschland heute eine moralische Großmacht, sondern gerade umgekehrt. Weil die Deutschen das alles durchgemacht hätten und geläutert seien (kostengünstige Krokodilstränen und Versöhnungskitsch inklusive), dürften sie nun andere Länder zurechtweisen, auch Russland. Der Einsatz von Militär sei dabei nicht nur erlaubt, sondern im Extremfall sittliche Pflicht.

Damit ist der 8./9. Mai an einem neuen historischen Ort angekommen: nicht als Teil einer zu bedenkenden Vergangenheit, sondern einer Zukunftsoffensive.

Georg Fülberth war in den Jahren 1972 bis 2004 Professor für Politikwissenschaften an der Universität Marburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Theorie und Geschichte des Kapitalismus.

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