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Theater ist nicht drin

erschienen in Clara, Ausgabe 44,

Hannelore und Peter Lenski sind freundliche Leute. Sie leben beide schon ihr ganzes Leben lang in Falkensee. Ein grüner Ort im sogenannten Speckgürtel von Berlin, eine Art Gartenstadt. Sie seien »früher als gewollt in die Rente geschickt worden«, erzählt Peter Lenski, der einstige Maler und Lehrausbilder. Mit 60 Jahren musste er gehen. Mit dem Glückwunsch zum Geburtstag kam auch gleich die Kündigung. Das war 1997. Seine Frau Hannelore, Physiotherapeutin, wurde im Jahr darauf arbeitslos und ging 1999, nach 42 Arbeitsjahren, in Rente. Beide finden trotzdem, sie hätten »Glück gehabt«. Zu dem Zeitpunkt sei die Rente noch nicht unter die »50-Prozent-Marke gerutscht«. Nach Abzug von Pflege- und Krankenversicherung und Miete bleiben den Lenskis etwa 1.700 Euro monatlich. Dass sie trotzdem auf jeden Euro achten, hängt mit der familiären Situation zusammen. Ihr Sohn arbeitet als Pfleger. Er wird später eine Rente bekommen, die zum Leben nicht reichen wird. Mehr noch: Schon jetzt kann er mit seinem Gehalt die studierende Tochter finanziell nicht unterstützen. So wurden die Großeltern zu Sponsoren. Gern sogar.

Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin und Vizevorsitzende der Fraktion DIE LINKE, erfuhr durch eine Anfrage beim Bundesarbeitsministerium, dass mittlerweile fast jede/-r vierte Rentnerin oder Rentner vorzeitig und mit Abschlägen in den Ruhestand geht. Von den 888.521 Menschen, die im Jahr 2015 ihre Altersrente antraten, mussten fast 205.000 Abschläge in Kauf nehmen. Das macht in der Regel ein monatliches Minus von 7,65 Prozent. Im selben Jahr zählte das Europäische Amt für Statistik in Deutschland 2,7 Millionen Menschen über 65 Jahre, die in Armut leben oder davon bedroht sind. Anders gesagt: Jeder Sechste der über 65-Jährigen in Deutschland ist von Altersarmut betroffen. Zwei Drittel davon sind Frauen.

 

Die Rente reicht für das Nötigste

Eine von ihnen heißt Heike Domhardt. Sie ging im Januar 2015 in ihre Regelaltersrente. Die Thüringerin spricht nicht gern über ihre schmalen Bezüge. Monatlich bekommt die gelernte Handelskauffrau 935 Euro brutto. Damit liegt sie unter der Armutsgrenze der Europäischen Union. Danach zählt, wer unter 1.033 Euro im Monat zur Verfügung hat, als arm. Real kann Heike Domhardt ohnehin nur über 837 Euro verfügen. So viel bleibt ihr nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherung. Dann gehen noch Miete, GEZ, Telefon, Strom und Zuzahlungen für Medikamente vom Konto ab. »Sie verhungere nicht«, sagt die 67-Jährige. Das sei aber auch schon alles. Ihre Rente reiche »für das Nötigste«. Urlaub, selbst nur für ein verlängertes Wochenende, war schon vor der Altersrente kaum drin. Jetzt geht das gar nicht mehr. »Auch Kino oder Theater nicht«, zu teuer. Einfach mal ins Café gehen oder eine Einladung zum Geburtstag – das alles »fällt aus, weil die Rente für diese Dinge im Leben nicht reicht«. Heike Domhardt fühlt sich »ausgeschlossen« und weiß, dass es für sie nicht aufhören wird, »Tag für Tag jeden Cent dreimal umzudrehen und sich trotzdem nichts leisten zu können«.

Bis vor Kurzem hat sie sich über einen Minijob noch ein paar Euros dazuverdient. Das schafft sie jetzt aber nicht mehr. Aus gesundheitlichen Gründen. Rentnerinnen und Rentner mit Minijob, davon gibt es laut Bundesarbeitsministerium fast eine Million in der Bundesrepublik. Fast eine Million Ruheständler, die arbeiten gehen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Das ist ein Drittel mehr als im Jahr 2005. Bei den über 75-Jährigen hat sich die Zahl der Hinzuverdienenden in den vergangenen zehn Jahren sogar verdoppelt. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Beschäftigte, die im Jahr1980 45Beitragsjahre zum Durchschnittsverdienst vorweisen konnten, erhielten noch 57 Prozent des Durchschnittverdiensts als Rente. Zurzeit sind es fast zehn Prozentpunkte weniger, also nur noch 48,2 Prozent. Und im Jahr 2030 werden es voraussichtlich nur noch 44,5 Prozent sein. Die Zukunft verspricht also eine Bruttorente von nicht einmal mehr 45 Prozent des durchschnittlichen Nettoverdienstes. Auch das wird Frauen besonders hart treffen. Sie nehmen öfter Auszeiten, wegen der Kinder, später für die Pflege von Angehörigen, sie arbeiten in Teilzeit und in schlechter bezahlten Branchen. Heike Domhardt und Hannelore Lenski zogen auch jeweils zwei Kinder groß. Sie zahlten – wie von der Politik gewünscht – in die gesetzliche Rentenversicherung ein, immer in der Hoffnung, im Alter den wohlverdienten Ruhestand genießen zu können. Kein Leben im Luxus, aber wenigstens keine existenziellen Sorgen. Hannelore Lenski wartet bis heute darauf, dass sie einen Aufschlag zu ihrer Rente bekommt. Denn Frauen im Gesundheitsbereich wurden auch zu DDR-Zeiten mit geringen Gehältern entlohnt. Sie sollten – das war gesetzlich festgeschrieben – später in der Rente einen Zuschlag bekommen. Ein Versprechen, das bislang keine wie auch immer geartete Bundesregierung eingelöst hat.

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