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Textilarbeiterinnen wehren sich weltweit

erschienen in Querblick, Ausgabe 19,

Von weltweit 30 Millionen Beschäftigten in der Textilindustrie sind über 70 Prozent weiblich.

In Osteuropa, der Türkei, in Kambo­dscha, China und Bangladesch nähen Frauen zu Hungerlöhnen, was in Europa billig verkauft wird. Kaum ein anderer Industriezweig offenbart die ungeheure Ausbeutung von Mensch und Natur im Zeitalter der kapitalis­tischen Globalisierung in diesem Maße. In der Textilbranche erscheinen Lohndumping, fehlende Arbeitsstandards, unbezahlte Überstunden und komplette Rechtlosigkeit revitalisiert, wie aus dem Manchester-Kapitalismus in die Gegenwart katapultiert.

Aus westeuropäischen Ländern wie Italien und Griechenland lagern global agierende Konzerne die letzten Reste einheimischer Textil­industrie aus. Einheimische Textilarbeiterinnen werden entlassen, um anderswo Näherinnen noch rabiater ausbeuten zu können. In »Sweatshops« in Bangladesch und Bulgarien werden billige Sweatshirts für große internationale Ketten hergestellt. Die Arbeiterinnen in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, nähen für 20 Euro Monatslohn Jeans und Shirts. Die Arbeiterinnen in der Türkei, in Rumänien und China müssen mit Löhnen, die kaum für die Existenzsicherung einer einzigen Person ausreichen, das Einkommen ihrer Familien bestreiten. Wehren sich die Frauen, müssen sie mit Entlassung und Lohnkürzung rechnen. Gewerkschaftliche Mitgliedschaft und politische Interessenvertretung sind Kündigungsgründe.

Unberührt von den Arbeits- und Lebensbedingungen der Frauen in der Bekleidungsindustrie Bangladeschs wirbt der Textildiscounter KiK mit Slogans wie »Zum Anziehen verführt« und »Zum Knuddeln und Liebhaben«. Die kambodschanischen Textilarbeiterinnen zeigten im Sommer 2010, was sie vom »Knuddeln und Liebhaben« halten: Sie streikten. Ihre Kolleginnen in Dhaka setzten verzweifelt Lieferwagen in Brand und bauten Straßenbarrikaden als Protest gegen ihre Hungerlöhne.

Auch in Deutschland wehren sich immer mehr Frauen gegen die Niedriglöhne und schlechten Arbeitsbedingungen bei KiK. Sie tun dies vielerorts mit Unterstützung der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Diese erwirkte ein Urteil, das den Beschäftigten in Mülheim an der Ruhr hohe Lohnnachzahlungen zusichert. Und jüngst entschied das Amtsgericht Dortmund, dass der Stundenlohn einer 58-jährigen KiK-Angestellten sittenwidrig und auf 6,50 Euro anzuheben sei.

Weltweit setzt sich die international agierende Organisation »Clean Clothes Campaign« für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und für gerechte Bezahlung in der Textilindustrie ein. Die Geduld der Textilarbeiterinnen scheint überall vorbei zu sein. Ihre Aktionen für ein besseres Leben für sich, ihre Kinder und ihre Familien einen sie mit dem Kampf ihrer Großmütter in New York und Sankt Petersburg. 

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