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Stress lass nach! Für gute Arbeit und Mitbestimmung

Von Klaus Ernst, Jutta Krellmann,

Liebe Leserin, lieber Leser,

psychische Belastungen in der Arbeitswelt nehmen drastisch zu. Leistungsdruck, Stress und Arbeitsverdichtung sind die Ursachen. Arbeit am Abend oder am Wochenende, Überstunden und ständige Erreichbarkeit werden zur Normalität. Viele sind erschöpft und werden krank. Burnout ist die neue Volkskrankheit.

DIE LINKE kämpft für Anti-Stress-Regelungen im Arbeitsschutz und für Arbeitszeiten, die sich an den Bedürfnissen der Beschäftigten ausrichten. Stress entsteht insbesondere dann, wenn die Verantwortung groß ist, aber der Entscheidungsspielraum klein. DIE LINKE fordert deshalb, die Mitbestimmungsmöglichkeiten für die Beschäftigten und ihre Interessenvertretungen deutlich auszubauen, sowohl im Bereich der Arbeitsorganisation als auch bei wirtschaftlichen Fragen.
Unser Ziel ist »Gute Arbeit«. Wir wollen eine Arbeit, die nicht krank macht und ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht.

Ihre Jutta Krellmann, Sprecherin für Arbeits- und Mitbestimmungspolitik
Ihr Klaus Ernst, Abgeordneter der Fraktion DIE LINKE



Warum nimmt der Stress bei der Arbeit zu?

Unternehmen verlagern ihr Risiko auf die Beschäftigten. Die Marktlogik diktiert auch die innerbetriebliche Arbeitsorganisation - Abteilungen oder Standorte eines Unternehmens treten so in Konkurrenz um die besten Monatsergebnisse. Die Eigenverantwortung der Beschäftigten steigt, ohne dass sie Geschäftspolitik und Rahmenbedingungen ihrer Arbeit beeinflussen können. Die Kluft zwischen den Anforderungen und dem Handlungsspielraum des Einzelnen ist eine wesentliche Ursache für Stress.

Anna L., 52 Jahre, arbeitet als Bankkauffrau in einer großen Bank. Häufig arbeitet sie mehr als zehn Stunden pro Tag; dieser Einsatz wird erwartet. Um auf dem Laufenden zu bleiben, ist das Handy ständig auch nach der Arbeit eingeschaltet.

Auch in Kliniken und in der Pflege wird an der Wettbewerbsschraube gedreht: In einem atemberaubenden Tempo werden Stellen gestrichen, um Personalkosten zu sparen.

Ingeborg M., 44 Jahre alt, arbeitet als Stationsschwester in drei Schichten in einem großen Krankenhaus. Sie hat morgens vier Minuten für einen Patienten: wecken, mit Medikamenten versorgen, Fieber messen, Essen hinstellen. Für die seelischen Belange bleibt da keine Zeit. Ingeborg hält das eher für Massenabfertigung, die mit ihrem Berufsethos kaum noch zu vereinbaren ist.

Das Gleiche bewirken die Spardiktate des Staates im öffentlich finanzierten Sektor. Die Arbeitsbedingungen werden schlechter. Die Beschäftigten müssen immer mehr in der gleichen Zeit leisten. Seien es mehr Patientinnen und Patienten, seien es mehr Kunden, seien es kürzere Takte am Band.

Manfred K., 37 Jahre alt, arbeitet in drei Schichten als Montagearbeiter bei einem Automobilhersteller. Wenn er am Fließband steht, macht er eintönige Arbeiten. Zwar rotieren die Kollegen im Team: mal drehen sie Schrauben ein, dann verlegen sie Kabel oder hängen die Airbags ein – aber die  Abläufe sind immer gleich. Dabei gibt das Band den Takt vor. Wenn einer auf das Klo muss, muss der Teamsprecher einspringen.

Auch die gnadenlose Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in den vergangenen Jahren fördert psychische Belastungen bei der Arbeit. Befristungen, Leiharbeit, Werkvertragsarbeit, niedrige Löhne, entgrenzte Arbeitszeiten – bei all dem ist ein rasanter Anstieg zu verzeichnen. Dies führt zu sozialer Unsicherheit, fehlender Planbarkeit und struktureller Überlastung.


Wie will DIE LINKE psychische Belastungen in der Arbeitswelt reduzieren?

1. Psychische Belastungen im Arbeits- und Gesundheitsschutz verankern – Schutzrechte stärken

Der Gesetzgeber muss regelnd in die Arbeitsgestaltung eingreifen und die Beschäftigten vor Überlastung schützen. Wir unterstützen daher die Forderung der IG Metall nach einer Anti-Stress-Verordnung.

Beschäftigte sollten zudem ein individuelles Vetorecht haben, wenn ihre Arbeitsanforderungen zu gravierenden negativen Belastungen für die Psyche führen. Individuelle Belastungsschwerpunkte müssen besser identifiziert und konkrete Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Dies sollte Aufgabe einer betrieblichen Kommission sein, die paritätisch besetzt ist und verbindliche Entscheidungen fällen kann.

In der Metall- und Elektroindustrie gibt es erprobte Wege zum Umgang mit individuellen Beschwerden: In zahlreichen Betrieben sind paritätisch besetzte Kommissionen aus Betriebsrat und Arbeitgebern zur Umsetzung des Arbeitsschutzgesetzes eingerichtet, die ermittelte Gefährdungen beurteilen und Abhilfemaßnahmen beschließen. Im Bereich der Gesundheitsdienste wiederum gibt es die Überlastungsanzeige. Dieses Instrument muss dahingehend ergänzt werden, dass es ein vergleichbares Gremium gibt, das verbindliche Entscheidungen zur Beseitigung der Ursache der Überlastung trifft.

Das Personal der Gewerbeaufsichtsämter muss aufgestockt werden. Derzeit gibt es zu wenige Kontrollen in zu wenigen Betrieben. Zusätzlich sind Verstöße stärker als bisher zu ahnden, um die Arbeitgeber zur Einhaltung der Schutzrechte zu bewegen.

Zur Beseitigung des Personalmangels in Krankenhäusern und Pflegeheimen, der ambulanten Versorgung und der häuslichen Pflege fordern wir die Einführung einer personellen Mindestausstattung und einer verbindlichen, bundesweit einheitlichen Personalbemessung.

2. Arbeitszeit an den Bedürfnissen der Beschäftigten ausrichten

Arbeitszeitgestaltung ist zentral für die Entstehung von psychischen Belastungen. Wie lange muss ich erreichbar sein? Wie lässt sich meine Arbeitszeit mit den Kita-Öffnungszeiten vereinbaren? Muss ich auch nach dem Feierabend oder am Wochenende arbeiten?

Die Arbeitszeit muss an den Bedürfnissen der Beschäftigten ausgerichtet werden. Wir brauchen verbindliche Ansprüche der Beschäftigten auf familiengerechte Arbeitszeiten. Arbeit und Privatleben müssen vereinbar sein. Es bedarf klarer Regeln, wann tatsächlich Freizeit ist, in der Beschäftigte weder erreichbar sein noch auf Abruf bereit stehen dürfen. Abend-, Wochenend- und Schichtarbeit müssen auf ein unvermeidbares Ausmaß reduziert werden.

3. Mit mehr Mitbestimmung zu weniger Stress – kollektive Rechte ausbauen

Die Ideen, das Wissen und die Kreativität der Beschäftigten müssen stärker genutzt werden. Mehr Gestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten steigern die Qualität von Arbeit. Damit ist aber nicht gemeint, dass Abteilungen ihre eigenen Umsatzziele entwickeln und sich selbst unter Druck setzen, sondern es geht um den Schutz vor genau solchen Mechanismen.

Neben den Arbeitsschutzvorschriften zum Schutz des Einzelnen brauchen Betriebs- und Personalräte erzwingbare Mitbestimmungsrechte bei Fragen der Gestaltung der Arbeitsaufgabe, der Arbeitsorganisation, des Arbeitsumfeldes und bei der personellen Ausstattung des jeweiligen Arbeitsbereichs, um bei Arbeitsverdichtung und Personalmangel aktiv werden zu können. Darüber hinaus sind erzwingbare Mitbestimmungsrechte bei wirtschaftlichen Fragen und bei Fragen der strategischen Ausrichtung notwendig. Mehr Eigenverantwortung muss mit einem Mehr an Einflussnahme einhergehen.

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