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Stefan Heym zum 100. Geburtstag

Von Lukrezia Jochimsen, erschienen in Clara, Ausgabe 26,

Im Dezember jährt sich der Todestag von Stefan Heym, im April 2013 würde er seinen 100. Geburtstag feiern. Die Fraktion DIE LINKE will den Alterspräsidenten des Bundestags, den Unangepassten, immer aufrechten und wortklugen Schriftsteller ehren. Eine Würdigung von Luc Jochimsen

Er hätte schweigen können, 1931, als Gymnasiast Helmut Flieg, aber er veröffentlichte, achtzehnjährig, das Antikriegsgedicht "Exportgeschäft". Er hätte sich einrichten können in den USA, die ihm Schutz vor der Verfolgung durch die Nazis boten und wo er – der deutsch-jüdische Emigrant – unter dem Namen Stefan Heym seinen ersten Bucherfolg feierte. Er aber zog als amerikanischer Staatsbürger in den Zweiten Weltkrieg gegen Nazideutschland.

Er hätte sich zurückhalten können, 1945, als Journalist im befreiten Deutschland, aber er machte kein Hehl aus seiner prosowjetischen Einstellung – und wurde in die USA zurückbeordert. Er hätte sich eine Nische suchen können in der McCarthy-Ära, aber er ging, um unzensiert schreiben zu können, zurück nach Europa. In die DDR. 1953. Auch dort fand er sich schnell in der gewohnten Rolle des Widerständlers. Er wurde gelobt, zensiert, drangsaliert, hin und wieder veröffentlicht.

Stefan Heym hat nie geschwiegen. Er hat sich eingemischt, zu Wort gemeldet, Schwierigkeiten gemacht und Schwierigkeiten bekommen. Er war bissig, kritisch, ironisch, aufbrausend, rhetorisch begnadet, störrisch, widerständig, weise.

Er hätte resignieren können, 1994, am Abend vor seiner Rede als Alterspräsident im Deutschen Bundestag, als TV- und Radiosender, ungeprüft und unhaltbar, die Meldung aus dem Innenministerium verbreiteten, er habe für die Stasi gearbeitet.

Stefan Heym hat aber auch an diesem Tag nicht geschwiegen. Hellsichtig war, was er sagte: "Die Krise, in welche hinein dieser Bundestag gewählt wurde, ist nicht nur eine zyklische, die kommt und geht, sondern eine strukturelle, bleibende, und dieses weltweit. Die Krise ist eine Krise nunmehr der gesamten Industriegesellschaft, tritt dadurch nur umso deutlicher in Erscheinung."

Vor allem CDU/CSU-Abgeordnete verweigerten ihm an diesem Tag ein Minimum an Respekt. Ein Jahr später legte Heym sein Mandat nieder. Er wollte weiterhin kompromisslos seine Stimme erheben.

Am 10. April 2013 wäre Stefan Heym 100 Jahre alt geworden. Wir möchten das Lebenswerk dieses großen Mannes würdigen. Dazu haben Freunde, Weggefährten, Künstler, Politiker, die Rosa-Luxemburg-Stiftung und Mitglieder unserer Fraktion ein Festkomitee gegründet. Ein Projekt entwickelte und produzierte der Schauspieler und Regisseur Franz Sodann: eine szenische Lesung aus Gedichten, Geschichten, Dokumenten und Interviews von und mit Stefan Heym.

Die Uraufführung fand beim "Fest der LINKEN" statt. Weitere Lesungen werden folgen. Die im Jahr 2009 gegründete Internationale Stefan-Heym-Gesellschaft mit Sitz in seiner Geburtsstadt Chemnitz plant unter anderem eine Konferenz über den Dichter und Schriftsteller. Wir laden Sie alle ein, zu den Veranstaltungen zu kommen und Stefan Heym zu ehren, seine Bücher zu lesen, über seine Gedanken zu sprechen und Haltung zu beweisen. So wie er, ein Leben lang.

 

Luc Jochimsen ist kulturpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE

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