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So geht Demokratie

erschienen in Clara, Ausgabe 24,

Gute Arbeit – unbehindert! Das war das Motto einer Konferenz der Bundestagsfraktion DIE LINKE in Berlin. Über die Ergebnisse sprach clara mit Ilja Seifert.

 

Welchen anderen Blick, welche neuen Erkenntnisse hat die Konferenz gebracht?
Ilja Seifert: Mehr als 100 Teilnehmer aus sehr verschiedenen Zusammenhängen diskutierten unglaublich engagiert. Das waren Werkstattbeschäftigte, Menschen, die von Erwerbsminderungsrente leben, Arbeitslose, Vertreterinnen und Vertreter aus der Wissenschaft, Betriebsräte, Gewerkschafter, Unternehmer, Abgeordnete. Viele begrüßten, dass sie erstmals überhaupt einen Antragsentwurf öffentlich diskutieren konnten, bevor er in die parlamentarische Debatte eingebracht wird. Alle Teilnehmer erhielten den Antragsentwurf vor der Konferenz. Auf der Konferenz selbst begegneten sich zwei Linien, jedoch sachlich und mit guten Argumenten.

Das klingt nach Streit …
… in der Sache schon. Zum Beispiel diskutierten dort Geschäftsführer einer Werkstatt und Werkstattbeschäftigte, also die Arbeitgeber- und die Arbeitnehmerseite miteinander. Spannend war auch die Diskussion, ob stärkere Schwerbehindertenvertretungen in Unternehmen die betriebliche Interessenvertretung schwächen, weil eine Konkurrenz zu den Betriebsräten entsteht.

Konnten alle Streitfragen gelöst werden?
In einigen Fragen mussten wir uns für eine Position entscheiden. Werkstätten zum Beispiel: Die einen wollen sie sofort abschaffen, andere sie ausbauen. Unsere Position lautet: Langfristig müssen Werkstätten überflüssig werden. Aber so, dass deren fördernde, persönlichkeitsentwickelnde Strukturen verallgemeinert werden. Das käme allen Beschäftigten in den sogenannten regulären Jobs zugute. Barrierefreie Arbeitsstätten erleichtern allen die Arbeit. In gewissem Sinne wollen wir: Werkstätten für alle! Aber nicht mit Hungerlöhnen. Grundsätzlich lässt sich sagen: Wir brauchen Sofortmaßnahmen, die hier und jetzt den Betroffenen nützen, aber auch energische Schritte in eine inklusive Arbeitswelt.

Was heißt das – eine inklusive Arbeitswelt? Und was fordert der diskutierte Antrag?
Menschen mit Behinderungen sind leistungsfähig und motiviert. Sie brauchen barrierefreie Arbeitsbedingungen und Assistenz, um das beweisen zu können. Barrierefreiheit heißt in dem Fall: Zugänglich, verständlich, gestaltbar muss die Umwelt sein. In diese Richtung muss sich die Gesellschaft verändern. Uns geht es um das Menschenrecht, durch eigene Arbeit sein Leben selbst zu gestalten. Es geht um die reale Freiheit, von staatlichen Alimenten unabhängig zu sein. Darum, sich selbst Erfolgserlebnisse organisieren zu können, um soziale Kontakte und darum, in festen Tages- und Wochenstrukturen Sicherheit zu finden.

Das Interview führte Gisela Zimmer.

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