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SLIME Freigeister des Punk

erschienen in Klar, Ausgabe 32,

Klar traf Sänger Dirk "Dicken" Jora und den Gitarristen Christian Mevs zum Interview in Hamburg

 

 

In Hamburg begann vor 35 Jahren eure Geschichte. Ihr habt immer gegen Polizeiübergriffe gesungen. Jetzt gibt es hier »Gefahrengebiete« …

Christian: … ich bin erstaunt, dass sich so offene Repression durchsetzt, trotz großen Widerstands in der Bevölkerung. Mitten in Deutschland Gebiete einzurichten, in denen die Bürgerrechte nur eingeschränkt gelten: Da fehlen mir echt die Worte.

Dicken: Ich glaube, die Hamburger Polizei ist ein Staat im Staate. Egal, wer den Senat bildet: Die ziehen ihr Ding durch. Die US-Botschaft gibt deswegen Reisewarnungen an Touristen aus. Das ist Hamburg heute, nicht Beirut oder Belfast in den Trouble Days. Und warum? Weil fünf Scheiben an Peterwagen kaputtgegangen sind.

Eure Songtexte haben oft für große Kontroversen gesorgt, selbst in linken Kreisen.

Dicken: Das ist ja auch richtig so. Wir wollten nie mit dem Strom schwimmen. Du beweist dich nur als Freigeist, wenn du auch gegen Dinge angehst, die in deiner Szene falsch laufen.

Ein solcher Text ist »Yankees raus« über die US-Politik. Was denkt ihr über die allumfassende NSA-Bespitzelung heute?

Dicken: Mich wundert, dass die Leute sich darüber wundern. Das war doch absehbar. Man denkt eigentlich: Jetzt muss ein unglaublicher Aufschrei kommen. Den gibt es aber nur, weil Merkels Handy abgehört wurde.

Fühlt ihr euch bestätigt?

Dicken: Wounded Knee, Hiroshima, My Lai, Nicaragua. Die Verbrechen der US-Politik liegen auf dem Tisch. Wo ist die Überraschung? Jede US-Regierung besteht aus Verbrechern, nicht erst seit gestern. Das kann man nicht ignorieren. Der NSA-Skandal ist jetzt bekannt geworden. Wir sind gegen die Politik der USA, aber das ist kein Antiamerikanismus. Unser Feind war nie die Latinofrau im Getto in Los Angeles, die versucht, mit drei Jobs ihre achtköpfige Familie durchzubringen.

Auf der aktuellen Platte »Sich fügen heißt lügen« verarbeitet ihr Texte von Erich Mühsam. Der Song »Seenot« handelt von der Finanzkrise. Das ist keine Wutnummer, sondern eher künstlerisch. Braucht es heute nicht einen wütenden Song?

Dicken: Es ist ein wütender Song, weil ich ihn singe. Deutschland hat den Ersten Weltkrieg angezettelt und verloren, den Zweiten Weltkrieg auch. Den dritten gewinnen wir jetzt wirtschaftlich? Wenn ich sehe, wie Merkel ein Land wie Griechenland behandelt, stinkt das für mich ganz gewaltig danach.

Christian: Was man sich fragen kann: Sind diese neuen Songs klar genug? Aber unsere Ausdrucksweise ändert sich. Songs wie »Deutschland muss sterben« haben wir mit 16 oder 17 Jahren gemacht. Damals hatten wir die sehr unmittelbare Wut, die man hat, wenn man etwas direkt auf der Straße erlebt. Der heutige Finanzkapitalismus mit seinen extremen Auswirkungen seit dem Jahr 2008 ist komplexer. Trotzdem wird Wut sichtbar, etwa beim gewaltlosen Widerstand in New York oder in Frankfurt.

Viele Bands beziehen sich auf Slime. Einige sind kommerziell viel erfolgreicher geworden, etwa Die Toten Hosen. Wie findet ihr das?

Christian: Da ist kein Neid. Die Hosen waren immer anders. Sachen wie »Bommerlunder« waren viel mehr Pop. Sie wollten von ihrer Musik gut leben, waren keine explizit politische Band. Ich gönne ihnen den Erfolg.

Dicken: Ein paar Sachen werfe ich Campino schon vor: BILD am Sonntag ein Interview zu geben, geht gar nicht. Das ist ein riesiger Kübel Jauche auf Papier gedruckt. Unser Verhältnis ist aber so gut, dass ich ihm das gesagt habe. Er meinte: »Du weißt doch, ich bin halt eine Medienrampensau.« Er eiert nicht rum.

Interview: Niels Holger Schmidt

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