Skip to main content

Sexismus in der Politik und im Netz

erschienen in Lotta, Ausgabe 12,

Hass, Respektlosigkeit, verbale Drohungen – für in der Öffentlichkeit stehende Frauen ist das ein Dauerzustand. Aber es ist nicht hinnehmbar, meint Anke Domscheit-Berg.

Als bekannt wurde, dass ich für DIE LINKE bei der Bundestagswahl 2017 kandidieren möchte, wurde es für mich in den sozialen Netzen sehr unangenehm. Vor allem aus meinem früheren Piraten- Umfeld gab es Äußerungen, die jeden sachlichen Rahmen verließen. Ich sei eine »minderbemittelte, unterfickte Häßlette« hieß es unter anderem. Es gab auch Vorwürfe wie sie wohl alle Frauen kennen, die in der Öffentlichkeit wahrnehmbar ihre Meinung äußern: Ich sei »aufmerksamkeitsgeil«, »Karrieristin«, »hässlich«, »dumm« und »eine Frau, die kein Mann mit der Kneifzange anfassen würde«. Das Ganze paarte sich mit rassistischer Hetze, wenn ich mich zu Flüchtlingsthemen äußerte. Die einen schrieben, mich würden ja nicht mal Muslime vergewaltigen wollen, die anderen, dass mich hoffentlich bald eine »Horde Neger tot fickt«.

»Nimm das nicht ernst, das sind nur Trolle«, wird mir geraten. »Gewöhn dich dran, als politische Frau in der Öffentlichkeit musst du das abkönnen.« Aber wenn man nach einem Talkshowauftritt auf allen Kanälen von Facebook über Twitter bis zum E-Mail- Postfach und den Kommentarseiten der eigenen Homepage tagelang Unmengen an Hassnachrichten erhält, kann man nicht so tun, als wäre das irrelevant. Diese Angriffe in geballter Form lähmen, machen Angst, fressen alle Energie wie die Dementoren in »Harry Potter«. Ja, vielleicht braucht man eine undurchdringliche Schutzschicht, um das auf Dauer auszuhalten. Aber ich will, dass es auch anders geht. Die Wurzel des Übels muss weg, der Sexismus in der Gesellschaft. Ich möchte kein harter Mensch werden, an dem jede noch so krasse Äußerung abperlt. Ich möchte auch den Schmerz spüren und aushalten können.

Aber nicht nur im Internet, auch im politischen Alltag trifft man häufig auf Sexismus. Nicht nur, wenn man Hillary Clinton heißt und gegen Donald »grab her by the pussy« Trump in einen Präsidentschaftswahlkampf zieht. Sexismus in der Politik gibt es überall. Ich selbst habe vor allem bei den Piraten viele finstere Erfahrungen gesammelt. Sprach ich mich für die Frauenquote bei Aufsichtsräten aus, hieß es, ich wolle ja nur vom »Tittenbonus« profitieren. Habe ich mich »Piratin« genannt, hielt man mir satzungswidriges Verhalten vor. Denn in der Satzung stand, Mitglieder der Piratenpartei heißen »Piraten«. Wurde eine Mailingliste für weibliche Mitglieder eingerichtet, rollte ein heftiger Shitstorm über die Initiatorin hinweg, weil sie Männer ausgrenze. In der Partei mit 85 Prozent Männeranteil wurde jede Feministin nicht nur einmal als »Feminazi« bezeichnet. Vermutlich gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Männeranteil in einer Partei – von der Basis bis zur Führungsspitze – und dem dortigen Grad an Sexismus. Frauen sind zwar auch nicht frei von sexistischem Verhalten – immerhin werden wir alle in einer patriarchalen Gesellschaft sozialisiert –, aber im Durchschnitt sind sie sensibler, was Geschlechtergerechtigkeit angeht und finden es eher problematisch, was viele Männer als »Ironie« oder »Witz« ansehen. Der Grund dafür: Die meisten Frauen erfahren diese sogenannten Witze häufig in ihrem realen Leben.

Zum Sexismus in der Politik gehören aber auch die Klassiker der Benachteiligung. Dazu zählen die notorische Unterschätzung der Kompetenzen von Frauen und Doppelmoral, wonach Ehrgeiz bei Frauen unweiblich wirkt. Als salonfähig gilt dagegen der schlüpfrige Blick in den Ausschnitt und die Pflege der Old Boys Networks. Männer schlagen immer noch lieber Männer für Ämter, aber auch für Ehrungen vor. Diese Praxis macht es unter anderem dem Bundespräsidialamt schwer die selbst gesetzte (informelle) Quote von 30 Prozent Frauenanteil bei der Bundesverdienstkreuzverleihung zu erreichen. Es gibt nicht genügend Vorschläge für Frauen, während bei Männern die Praxis »Ich schlag dich vor, du schlägst mich vor« nach wie vor nicht selten ist.

Ich wünschte, es gäbe eine jährliche Offensive, verdienstvolle Frauen für solche Anerkennungen vorzuschlagen. Es ist ja nicht so, dass es sie nicht gibt. Das gleiche Spiel gilt hier wie überall: Da, wo es keine Quotierung bei der Aufstellung von Kandidat*innenlisten gibt, stellt sich stets magisch eine Männermehrheit ein, mit besonders vielen Männern auf den vorderen Listenplätzen. Und so führen Stereotype, Ausgrenzung und Sexismus dazu, dass Frauen in allen Parlamenten Deutschlands immer noch unterrepräsentiert sind, ganz besonders jedoch in der Kommunalpolitik. Ihr Anteil an Bürgermeisterposten ist kleiner als der weiblicher Vorstände in DAX-30-Unternehmen. Es ist an der Zeit, das zu ändern.

Anke Domscheit-Berg ist Unternehmerin, Publizistin, Aktivistin. Engagiert sich für Geschlechtergerechtigkeit