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Schwerer Start für Azubis

erschienen in Querblick, Ausgabe 1,

Bundesregierung sieht keinen Handlungsbedarf bei Diskriminierung von jungen Frauen

Trotz besserer schulischer Leistungen haben es junge Frauen im Vergleich zu ihren männlichen Mitbewerbern deutlich schwerer, einen betrieblichen Ausbildungsplatz zu finden. Viele Betriebe geben jungen Männern den Vorzug. So stellen sie fast zwei Drittel der Auszubildenden im klassischen dualen System. Die wenigen Ausbildungsplätze für Frauen konzentrieren sich auf die »typischen Frauenberufe«. Diese werden im späteren Arbeitsleben meist schlechter vergütet. Die geringe Entlohnung macht sich auch schon während der Ausbildung bemerkbar: Frauen verdienen zum Teil deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Der Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik hat aufgezeigt, dass vielen jungen Frauen ihre Auszubildendenvergütung nicht einmal zur Finanzierung ihres Lebensunterhaltes ausreicht.

Frauen, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden, sind gezwungen, sich nach Alternativen umzusehen. Sie absolvieren häufig eine vollzeitschulische Ausbildung. Hier ist die Situation noch prekärer: Sie erhalten beispielsweise keinerlei Ausbildungsvergütung und in vielen Fällen – etwa bei den Berufen im Gesundheitswesen – ist die Ausbildung mit Gebühren verbunden. Die Bundesregierung sieht trotz dieser offensichtlichen Benachteiligungen keinen Handlungsbedarf. Auf eine Kleine Anfrage unserer Fraktion zum Thema »Geschlechtergerechtigkeit im Ausbildungssystem« stellte sie gleich in ihren einleitenden Bemerkungen fest: »Die Bundesregierung kann in Anbetracht des differenzierten Angebots an Ausbildungsmöglichkeiten keine Geschlechterdiskriminierung feststellen.« In der Konsequenz fehlt es an Programmen und Initiativen, die zu einem Abbau der geschlechtsspezifischen Ungleichheit beitragen könnten. Das einzige relevante Projekt der Bundesregierung ist der sogenannte »Girls’ Day«, der einmal im Jahr stattfindet und bei dem Schülerinnen die Möglichkeit haben, für einen Tag in bisher männlich dominierte Berufe hineinzuschnuppern.

Aus Sicht der Fraktion DIE LINKE. ist das bei Weitem nicht ausreichend: Notwendig wäre unter anderem eine verbesserte Berufsberatung, die gezielt gegen tradierte Geschlechterrollen wirkt, die Aufwertung klassischer Frauenberufe oder die Unterstützung junger Frauen während ihrer Ausbildung. Damit solche Maßnahmen greifen, muss die Berufsbildungspolitik der Bundesregierung grundlegend geändert werden. Solange sie sich allein auf Appelle an die Arbeitgeber beschränkt und freiwillige Selbstverpflichtungen vor gesetzliche Regelungen setzt, wird sich die Ausbildungsmisere weiter verschärfen. ?Die Verliererinnen und Verlierer dieser Politik sind dann vor allem Migrantinnen und Migranten, aber eben auch junge Frauen, die bei der Suche nach einem Ausbildungsangebot leer ausgehen. Abhilfe könnte hier eine gesetzliche Regelung für eine Umlagefinanzierung schaffen. Nur so kann der Rückzug der Arbeitgeber aus der betrieblichen Ausbildung gestoppt werden.
Nele Hirsch

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