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Schufterei im Laderaum

erschienen in Klar, Ausgabe 29,

EU-Kommission will noch mehr Wettbewerb bei den Bodendiensten.

Kurz nach der Landung Gepäck abholen oder schnell weiterfliegen. Dass dies in Rekordzeit am Münchener Flughafen möglich ist, haben Passagiere auch Schwerstarbeitern wie Ali Tunç (50) zu verdanken. Seit 14 Jahren arbeitet er rund um die Uhr bei Wind und Wetter am Boden als Ramp-Agent und Flugzeugabfertiger. Mit vielen Kollegen sorgt er dafür, dass Mensch und Gepäck sicher weiterkommen, die Flieger gereinigt, aufgetankt und schon nach 35 Minuten wieder startklar sind.

Es ist ein Knochenjob: Abgase von Flugzeugen, schwere Lasten, Verrenkungen auf engstem Raum und Stress machen viele Arbeiter an Flughäfen auf Dauer krank. „Letzte Woche ist ein Kollege im Laderaum tot umgefallen – Herzinfarkt!“, sagt Ali Tunç. „Die Rente erst mit 67 werde ich nie erreichen, vielleicht schaffe ich es bis 57.“

Seit Jahren macht die EU-Kommission Ali Tunç und seinen Kollegen das Leben schwer. Seit dem Jahr 1996 zielen ihre Richtlinien auf eine Liberalisierung und Aufspaltung der Bodendienste ab. Das Zauberwort heißt Wettbewerb. Für Ali Tunç und seine Kollegen bedeutet das Lohndrückerei und schlechtere Arbeitsbedingungen. Der Wettbewerb hat dazu geführt, dass nicht mehr eine Firma die Abläufe auf dem Boden organisiert. Mittlerweile gibt es 17 Betriebe, darunter auch Subunternehmen und Leiharbeitsfirmen, die auf engem Raum mehr neben- als miteinander arbeiten.

Unter diesem Druck haben auch Beschäftigte wie Ali Tunç unfreiwillig Opfer gebracht und auf Teile des Urlaubsgelds, Lohnzuschläge wie die Ballungsraumzulage oder bezahlte Waschzeiten verzichtet. Gleichzeitig haben Arbeitshetze und Stress zugenommen. Noch sichert ihr Einkommen das Überleben im teuren München. Wer aber im Gegensatz zu Ali Tunç nach dem Jahr 1999 anheuerte, ist noch schlechter gestellt. Dies gilt vor allem für Leiharbeiter: Mit 8,16 Euro Einstiegslohn sind viele zusätzlich auf Sozialhilfe angewiesen.

Die EU-Kommission möchte jetzt noch mehr Wettbewerb. Mit einem neuen „Flughafenpaket“ will sie eine unbegrenzte Marktöffnung und komplette Trennung der Bodenverkehrsdienste-Unternehmen von den Flughafenbetreibern erzwingen. Gegen solche Pläne und die schon jetzt unmöglichen Zustände engagiert sich Ali Tunç als Vertrauensmann der Gewerkschaft ver.di. Mit 3000 Kollegen aus ganz Europa stand er im Dezember vor dem EU-Parlament in Straßburg. Der Druck zeigte erste Wirkung. Eine Mehrheit der Abgeordneten bremste die Pläne von Verkehrskommissar Siim Kallas zur weiteren Liberalisierung aus. Vorerst, denn der Kommissar verfolgt seine Pläne weiter. Aber auch Ali Tunç und seine Kollegen werden nicht lockerlassen.

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