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Rückkehr mit Stolz und Traurigkeit

erschienen in Clara, Ausgabe 20,

Russische Kriegsveteranen sind in Berlin zu Gast und erinnern an den Tag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion 1941.

Die kleine, blasse Hand gleitet vorsichtig, leicht zitternd über die kyrillischen Buchstaben. Namen und Botschaften sind an den Wänden im bekanntesten Gebäude Deutschlands zu lesen. Nikolai Michailowitsch Beliaev ist fast 89 Jahre alt und war seit 1945 nicht mehr im Reichstag. Nun steht er im Erdgeschoss und schaut nachdenklich auf die mit Inschriften übersäte Fläche. »Ich habe Murmansk verteidigt, ich habe Lettland verteidigt und befreit, ich war bei der Befreiung Polens dabei – von Warschau bis zur Hafenstadt Cammin. Daran erinnere ich mich mit Stolz, auch jetzt hier im Reichstag. Welch entsetzlich langen Weg haben wir zurückgelegt, wie viele unserer Freunde, unserer Kampfgefährten haben wir dabei verloren. Mit vielen von ihnen habe ich zusammen unter einer Zeltbahn geschlafen. Auch das erinnert mich an unseren Sieg«, sagt der etwa 1,65 Meter große Mann aus der Nähe Moskaus. Der ehemalige Leutnant Beliaev zeigt ein historisches Foto, auf dem eine Einheit nach der Erstürmung des Reichstags Ende April 1945 zu sehen ist. »Das ist mein Regiment. Alles tapfere Jungs, wir haben bis Berlin viele von ihnen verloren«, erzählt der einstige Leutnant der Roten Armee. Er steht in seiner Original-Uniform aus den letzten Kriegstagen wieder an jener Stelle, an der er seine letzten Schüsse im Krieg abgegeben hat. Beliaevs großer Wunsch war es, noch einmal nach Berlin zu kommen, um der gefallenen Kameraden zu gedenken. Erst in Treptow und dann im Reichstagsgebäude.

Gemeinsam mit einer Jugendgruppe und zwei weiteren Kriegsveteranen ist Nikolai Michailowitsch Beliaev aus Russland in die deutsche Hauptstadt gefahren. Die Reise auf historischen Spuren führt den 89-Jährigen auch gedanklich in seine Zeit als junger Mann zurück. An jenem 22. Juni 1941, einem heißen Sonntag, als die Deutschen die Sowjetunion überfielen, war Beliaev Redakteur einer Zeitung in Pena und bestritt gerade einen Wettkampf in seinem Heimatort. Jugendliche legten das Abzeichen »Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung« ab. Dafür musste man 100 Meter und 1000 Meter laufen. »Plötzlich kam ein Mitarbeiter der Maschinen- und Traktorstation und teilte mit, dass der Krieg ausgebrochen sei. Natürlich dachte da niemand mehr an Wettkampf. Die Veranstaltung wurde abgebrochen, alle erhielten den Auftrag, nach Hause zu fahren und sich in den Musterungsstellen bei den Dorfsowjets zu melden. Ich setzte mich auf mein Fahrrad und fuhr zu meinen Eltern«, erinnert sich Beliaev. Von da an änderte sich alles, jeder wusste, dass eine schlimme Zeit nahte. Beliaev meldete sich sofort freiwillig und marschierte genau eine Woche nach dem Überfall an die Front.

Der weltbekannte Fotograf Jewgeni Chaldej (verstorben 1997) hat den Krieg auf seine Weise visuell begleitet und schildert in seinem vor wenigen Wochen erstmals veröffentlichten Kriegstagebuch, wie er den Tag des Überfalls in Moskau erlebte. Chaldej ging auf die Straße und machte die Fotos, die später um die Welt gingen. Menschen mit angespannten, oft angstverzerrten Gesichtern und Szenen beginnender Mobilmachung. »Ich ging zu meinem Chef und sagte: ›Geben Sie mir hundert Meter Filmmaterial.‹ Darauf er: ›Hundert Meter! In zwei Wochen ist alles vorbei, wozu brauchst du so viele Filme? Nein, ich gebe dir nur 50 Meter.‹ Ich nahm die 50 Meter.« Wie viele Meter Film Jewgeni Chaldej bis zum Kriegsende gebraucht hat, ist nicht bekannt. Das bekannteste Motiv des Sieges der Roten Armee über das faschistische Deutschland macht Chaldej auf dem Dach des Reichstages mit dem Rotarmisten, der die rote Fahne hält, gestützt von einem Offizier. Dieser trug an jedem Handgelenk eine Uhr, von denen Chaldej aus propagandistischen Gründen eine wegretuschieren musste.

Der fast 90 Jahre alte Nikolai Michailowitsch Beliaev hat seine Inschrift an den Mauern des Reichstages nicht gefunden. »Ich hatte an die Reichstagswand geschrieben ›Für unsere Lisa!‹. Lisa – also Jelisaweta Tschaikina war während der deutschen Besetzung Sekretärin des Komsomol im Untergrund. Später wurde sie Heldin der Sowjetunion.« Am 22. Juni dieses Jahres wird der Kriegsveteran Beliaev zu Hause sein. Er wird diesen Tag ganz in Ruhe verbringen und nachdenken.

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