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Raus damit, sonst tut’s weh

erschienen in Clara, Ausgabe 10,

Der Schauspieler Wolfgang Völz ist ein kluger, lauter Mann. Wenn man das aushält, ist es gut.

Dem kann das Leben nicht abhanden kommen. In dieser Wohnung unterm Dach, die eine dritte Haut aus vielen Dingen baut. Aus Büchern, die gelesen sind, Bildern, die eine Geschichte erzählen, Möbeln, die von Hand gebaut wurden, und Sitzecken, in denen man reden und reden kann. Und natürlich - macht man nur für einen Moment die Augen zu - erinnert man sich beim Zuhören jener Jahre, da abends aus den Zimmern der eigenen Kinder die Geschichten von Käpt’n Blaubär tönten. Man denkt an Pinguine, die vormals Ponguine hießen. Warum war das noch mal so? Und an Ochsenfrösche, so groß wie Cowboys. Und kreuzgefährliche Biester.
Wolfgang Völz ist ein lauter Mann. Das Gute daran ist: Er ist ein kluger, engagierter lauter Mann. Laut meint, er sagt die Dinge so geradeheraus, dass es manchmal schon recht hart für die sein kann, die das hören müssen. Roswitha Völz, die Frau, mit der er seit 54 Jahren verheiratet ist, hat manchmal zu ihm gesagt: »Dir wird noch mal jemand eine reinhauen, wenn du so redest.« Aber das ist nie passiert. Vielleicht liegt es daran, dass sich Ehrlichkeit doch besser ertragen lässt als Lüge. Und dann hat der Völz auch eine recht beeindruckende Statur. Daran ändern 78 Lebensjahre gar nichts.
Es lässt sich so viel erzählen nach so vielen Jahren. Von einem Mann, der in Danzig geboren wurde, Bäcker gelernt hat und schon als Kind auf der Bühne stand. Erste Rolle: Küchenjunge in »Zwerg Nase«. Schauspielunterricht, Bühnen und Bühnen, Kabarett und dann der Film. In 78 Folgen den Butler Johann von Graf Yoster gegeben, seine Stimme Männern wie Peter Ustinov, Mel Brooks und Walter Matthau geliehen, mit Meister Eder gespielt, gemeinsam mit Dietmar Schönherr, seinem besten Freund, in der Fernsehserie »Raumpatrouille« mitgewirkt.
Aber jetzt geht es um den politischen, sich einmischenden, oft ein bisschen wütenden, unabhängigen, linken Menschen Wolfgang Völz. Links, genau. »Ich war mein ganzes Leben lang links. Mein Großvater war kommunistischer Abgeordneter im Danziger Volkstag, und mir gefallen seit jeher Leute, die sich einmischen. Ich bin immer gern ein roter Berliner gewesen. Man kann ja nicht alles in sich reinfressen. Man muss die Schnauze aufmachen.« Pause. »Sonst kriegt man Magengeschwüre.« Pause. »Hab ich aber nie gekriegt.«
Kommt man also auf Ackermann. Beim Thema Magengeschwüre. »Haben Sie gelesen, dass der Steinbrück das alles schon viel früher wusste, wie es steht und was auf uns zukommt? Wie wollen die vor das Volk treten, wenn sie alles untern Teppich kehren?« Wolfgang Völz guckt sich im Zimmer um, als fiele ihm zum ersten Mal auf, wie viele Teppiche hier in dieser Wohnung liegen. Unglaublich viele. »Da ist nichts drunter gekehrt«, schickt er nach und steht auf, als wollte er den Test machen. »Wie wär’s mit einem Whisky?« Ja, gern. Zu lesen war, dass Wolfgang Völz noch regelmäßig nach Danzig fährt, um sich dort mit einstigen Schulfreunden zu treffen und Whisky zu trinken.
»Ich glaube an ein großes Comeback der Linken aller Couleur. Es ist an der Zeit. Und ich würde mich immer einmi-schen, wenn man mich fragt. Man muss sich einmischen. Sonst kommt noch so ein brauner Trommler.«
Wolfgang Völz, der fast Wolfgang Otto Isaak Treppengeländer geheißen hätte, denn ein Onkel namens Treppengeländer wollte das vaterlose, aber von Mutter und Tanten bestens umhegte Kind adoptieren, hat die verschiedensten Formen und Möglichkeiten der Einmischung ausprobiert.
In den Jahren, als Walter Momper Regierender Bürgermeister von Berlin war, machte er mit dem und mit vielen Jugendlichen einmal im Jahr eine Gedächtnisreise in eines der Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Man fuhr nach Auschwitz, Majdanek, Stutthof und Groß-Rosen. Fünf bis sechs Busse waren es, die fuhren, der Schriftsteller Hochhuth kam, um zu reden über die Zeit und das Verbrechen. »So lernt man was«, sagt Völz. »Und was ist heute?«, poltert er. »Wenn ich mir anhöre, was meine Enkelkinder lernen in der Schule. Über all das, über Geschichte, wer Hitler war, was Nationalsozialismus bedeutete.« Dann sagt der Schauspieler den großartigen Satz: »Das ist doch alles Hopskäse.« Und obwohl es Hopskäse wahrscheinlich nur in Blaubärs Welt gibt, kann man sich sofort vorstellen, was gemeint ist. »Die gehen nicht ins Jüdische Museum und in kein anderes. Die wissen nichts über die DDR. Aber ich habe immer gesagt: Man muss mit Kindern ernsthaft über die Welt reden. Und nichts unter den Teppich kehren. Schon wieder der Teppich«, sagt Völz und guckt ein wenig irritiert auf Perser und Brücken. »Muss wohl einen Grund haben.«
Seine Enkel könnten ja von Glück reden, sagt er noch. Die haben engagierte Eltern und Großeltern, die ihnen erzäh-len, was in der Zeitung steht und was sich dahinter verbirgt. Die mit ihnen ins Museum gehen, vorlesen. »Alle Kinder sind wissbegierig. Aber wer nicht informiert ist, bleibt blöd, und wer blöd ist, wählt die NPD.« Pause. »Ich freu mich auf die Linke«, sagt Völz. »Ich bleibe unabhängig und freu mich auf die Linke.« Dann ruft er: »Roswitha, setz dich zu uns, wir reden hier.« Seine Frau Roswitha hat er im Zirkus kennengelernt. Auch eine schöne Geschichte. Sie ist Tänzerin und gehört zum Glück, das Wolfgang Völz nach eigenen Aussagen nie im Leben verlassen hat. »Ich habe immer Arbeit gehabt, bin mit dieser tollen Frau verheiratet, habe zwei wunderbare Kinder, großartige Enkelkinder. Ich arbeite noch immer.« Pause. »Nur Altwerden ist scheußlich, das können Sie mir glauben.« Pause. »Aber trotz Pessimismus lasse ich mich heute gegen Grippe impfen.«
Man sitzt zu dritt in diesem Zimmer unterm Dach in einer Wohnung, die einen großen, etwas verwinkelten Raum für zwei Menschen baut, mit denen man an einem Samstagnachmittag über Antisemitismus, den Staat Israel, Fremdenfeindlichkeit und die Bankenkrise redet. »Hab keine Aktien«, sagt Völz zwischendurch einmal. »Ich könnte von der Wand in den Mund leben.« Drei Minuten später ist der Satz angekommen und man schaut sich die Bilder noch einmal genauer an. »Fast alles Ehepaare«, sagt Völz. »Wunderbare Bilder, nicht wahr?« Ja, wunderbar, die sollten nicht von der Wand im Mund landen.
Inzwischen hat der Mensch Wolfgang Völz die eine und andere Auszeichnung dafür bekommen, dass er sich immer laut und klug eingemischt hat, nicht nur geredet, sondern auch getan. Das Bundesverdienstkreuz ist dabei und der Verdienstorden des Landes Berlin. Natürlich arbeitet er immer weiter. Er spricht und dreht und hat mit seinem Freund Schönherr zusammen ein Drehbuch geschrieben über das Attentat auf den von Göring mit der »Endlösung der Ju-denfrage« beauftragten Reichsprotektor Reinhard Heydrich 1942 in Prag. Das Drehbuch ist abgelehnt worden. Es sei zu schwierig umzusetzen. Nun könnte man noch über das Fernsehen reden. Wie es heute ist. Besser nicht. Besser noch einen Whisky zum Abschied.

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