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Privatsphäre hinterm Bettlaken

erschienen in Klar, Ausgabe 38,

Das Ehepaar Ghazal ist mit seinen Söhnen Orhan und Yousef aus Syrien geflohen. Zusammen mit über 200 anderen Flüchtlingen leben sie in einer Turnhalle in Berlin.

Abeer Ghazal (28) verliert kein schlechtes Wort über ihre Unterkunft. Sie sei dankbar, endlich angekommen zu sein. Vor einem halben Jahr ist sie mit ihrer Familie aus Rakka in Syrien geflüchtet. Auf dem Mittelmeer hat sie ständig gebetet, dass sie das rettende Ufer erreichen.

Gemeinsam mit ihrem Mann Achraf (33) und den beiden Kindern Orhan (6) und Yousef (8) lebt sie seit November 2015 in einer Turnhalle im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, auf engstem Raum mit weiteren 200 Menschen. Es gibt keine Tür, die sie hinter sich schließen können. Nur ein Bettlaken, vor die Betten gespannt, bringt ein wenig Blickschutz. Schutz, um unbeobachtet die Kinder in den Schlaf zu wiegen. Und Schutz, wenn sie weint und leise mit ihrem Mann über die zurückgelassenen Verwandten spricht.


In fast jedem Ort, in fast jeder Stadt gibt es eine Turnhalle wie diese, in der geflüchtete Familien die Schrecken der Flucht hinter sich zu lassen versuchen. Im Jahr 2015 kamen zwischen 800 000 und einer Million Flüchtlinge nach Deutschland. 400 000 von ihnen haben bislang einen Asylantrag stellen können. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen gab Anfang Februar bekannt, dass mittlerweile fast 60 Prozent der Geflüchteten, die die Grenze von Griechenland nach Mazedonien passierten, Frauen und Kinder sind. Die Zahl der Kinder habe sich sogar verdreifacht.


„Wir brauchen eine Wohnung oder zumindest ein Zimmer nur für uns vier“, sagt Achraf Ghazal. Er ist Maurer, hat in der Umgebung etliche Baustellen entdeckt, würde sofort arbeiten. „Eine Wand ist eine Wand. Wenn ich die in Syrien hochziehen kann, kann ich das auch in Deutschland.“ Er versteht nicht, dass er sich selbst keine Arbeit suchen darf.


Einfacher haben es vielleicht die Kinder. Abeer Ghazal sagt, beide Söhne würden jeden Tag neue deutsche Worte aufschnappen. Nun wünscht sie sich, dass sie Freunde finden. Denn „wenn sie die besuchen könnten, wären sie zumindest für ein paar Stunden raus aus dieser überfüllten Halle“.