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Politik muss rational überzeugen

erschienen in Clara, Ausgabe 7,

Michel Friedman über mündige Bürger, Demokratie und Religion

Haben Sie lange überlegt, zur
Kulturkonferenz der LINKEN nach Erfurt zu kommen?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe keine Berührungsängste zu den Linken. Das Thema Religion ist natürlich ein Thema, das mit der Politik in Berührung kommt,
wo die Linke, die linke Bewegung global, in Europa, aber auch in der ehemaligen Sowjetunion eine Geschichte hat, über die man reflektieren, nachdenken muss.
So gesehen ist es für mich außerordentlich spannend, weil wir jetzt wieder diskutieren.

Spannungsfelder reizen Sie?

Ja, nur dann machen Diskussionen
überhaupt Sinn und nach meinem Selbstverständnis auch dann nur Spaß. Ich glaube schon, dass mit einer solchen Besetzung der Veranstaltung, aber auch mit einem solchen Veranstalter und auch an einem solchen Ort, sich die europäische Spannung zwischen Politik und Religion, zwischen Geschichte und Gegenwart widerspiegelt. Die Organisatorinnen haben es geschafft, die drei monotheistischen Weltreligionen zu vereinen an dem Thema. Leider fehlen hier die asiatischen Religionen, die mindestens die Bedeutung haben wie die monotheistischen. Das wird uns eines Tages genauso auf die Füße fallen wie die Nichtbeachtung des Islams.

Religion sei eine Krücke, um die Hilflosigkeit zu betäuben, sagen Sie. Warum erfahren aber die Religionen jetzt wieder großen Zuspruch?

Religion, das Opium des Volkes, ist eine untaugliche Krücke, weil sie Autonomie und revolutionären Geist schluckt. Sie nimmt die Zuversicht, dass man in seinem Leben kämpfen und damit auch Erfolg haben kann. Aber zum Thema Glaube und Religionen haben Milliarden Menschen eine ganz andere Haltung als wir. Um das Thema wirklich zu begreifen, kann ich uns nur raten, uns von Engstirnigkeit zu befreien.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen sozialistischen und religiösen Ideen?

Nein. Ich warne davor, zwischen Politik und Religion Gemeinsamkeiten zu konstruieren. Religion hat in ihrem Selbstverständnis - das respektiere ich - den Begriff des Glaubens. Politik glaube ich erst einmal
gar nichts. Politik muss durch rationale, argumentative Überzeugungsarbeit Menschen bewegen und berühren.
Das muss Religion überhaupt nicht. Eine idealistische Zielvorgabe, das ist der Unterschied zur Religion, ist in der Politik noch gefährlicher als in der Religion,
weil sie den Menschen dann in der Tat eine rationale Auseinandersetzung suggeriert, die nicht stattfindet. Der Wettbewerb zwischen Ideen in der Politik ist nicht vergleichbar mit Glaubenssätzen.
Ich warne davor, diese Nähe zu suchen.

Geht es um Akzeptanz?

Akzeptanz jawohl, und trotzdem sage ich: Religion ist nicht pluralistisch angelegt, ist qua Definition antidemokratisch und hierarchisch. Es muss eine Akzeptanz der Religion geben, aber es gibt auch einen großen Konflikt und der muss mit Fragen und Debatten ausgehalten werden. Auch das gehört zur Debatten- und zur Streitkultur. Wenn sich Politik Religion anbiedert und umgekehrt, lässt sie sich schnell vereinnahmen.

Was erwarten Sie in diesem Zusammenhang von den LINKEN?

Wahrhaftigkeit.

Das Gespräch führte Marion Heinrich

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