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Plötzlich grenzenlos

erschienen in Lotta, Ausgabe 8,

... waren die Menschen in Ost und West. Die Mauer, die innerdeutsche Grenze, war keine mehr. Das ist 25 Jahre her. Halina Wawzyniak (Ost) war damals Abiturientin, Martina Renner (West) Studentin, heute sind beide Abgeordnete der Fraktion DIE LINKE. Ein- und Ansichten zwischen gestern und heute.

 

 

Ich bin 1990 in die PDS eingetreten und seitdem beschäftigt mich die Auseinandersetzung darüber, was die DDR für ein Land war. Das ist bis heute kein abgeschlossener Prozess. Vergangenheit hat es an sich, die Gegenwart immer wieder einzuholen. Gut so, ich bin eine Gegnerin von Schlussstrichen.Ich war am 9. November 1989 16 Jahre alt, ging in die Schule und habe abends in den Nachrichten zwar gesehen und gehört, dass eine Zeitenwende angebrochen ist, wie das passieren konnte, habe ich aber nicht begriffen. Als es mir dann klar wurde, waren meine vorherrschenden Gefühle Skepsis und Angst. Schließlich habe ich an mein Land geglaubt, seiner Geschichtsschreibung und Gesellschaftsanalyse ebenso. Es war ein langer Prozess, die ideologischen Scheuklappen abzulegen und zu erkennen, dass der real existierende Kapitalismus nicht erstrebenswert ist und der real existierende Sozialismus die Pervertierung einer guten Idee war. Und dass ein Land, das seine Menschen einsperrt und seine Kritiker drangsaliert, zu Recht untergegangen ist.

Irgendwann habe ich mir von dem Begrüßungsgeld ein Paar weiße Turnschuhe gekauft, die schon nach drei Monaten kaputtgingen. So konnte ich gar nicht Gefahr laufen, den Verlockungen einer Überflussgesellschaft, die sich so viel Armut und Ungerechtigkeit leistet, nicht erliegen.

Es hat auch bei mir Jahre gebraucht, bis ich zu dem Schluss kam, dass die DDR kein Rechtsstaat war. Das waren teil- weise quälende Debatten, die sich aber gelohnt haben.

Heute bin ich 41 Jahre alt und die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, der Geschichte der DDR, hat mich geprägt und sozialisiert. Sie ist wesentlicher Bestandteil meiner Biografie. Mein Blick auf die DDR hat sich nicht dadurch relativiert, dass die Auswüchse eines grenzenlosen und nun weltweit herrschenden Kapitalismus so viel Not und Elend über die Menschen bringt. Die DDR war ein Staat, in dem es keine Pressefreiheit, keine Meinungsfreiheit, keine freien Wahlen und einen Geheim- dienst mit polizeilichen Befugnissen gab. So etwas will ich nie wieder. Und das, was wir jetzt haben, auch dagegen werde ich weiterkämpfen.

 

Halina Wawzyniak ist seit 2009 Abgeordnete der Fraktion DIE LINKE, sie arbeitet als rechtspolitische und netzpolitische Sprecherin

 

Nichts wird so bleiben, wie es war

Ich weiß noch genau, wo ich am I9. November 1989 war: in Bremen, das Wintersemester an der Universität hatte gerade begonnen. Wenige Wochen zuvor hatte ich in Dresden FreundInnen besucht. Der Umbruch war bereits zu spüren. Überall wurde diskutiert, an den Küchentischen, in der Hochschule, auf der Straße. Es gab Hoffnungen und Sorgen. Und sehr viel Realismus, wie ich später erkannte. Es zog mich zum Dresdner Bahnhof, dorthin wo die Züge aus Prag ohne Halt durchfuhren, die Demonstranten vorbeiliefen, die Polizei Menschen auf offenen Lkws abtransportierten. Ich, mittendrin, die Frau aus dem Westen, ganz fremd.

Eine Frage allerdings wurde im bunten Stadtteil Dresden-Neustadt schon in diesen Tagen vor dem 9. November 1989 debattiert: Wird es eine Perspektive für eine emanzipatorische Linke geben oder schluckt die BRD die DDR mit allen sozialen und politischen Folgen? Wird es mehr Freiheit oder mehr Konsum, einen neuen Absatzmarkt für westdeutsche Industrie- und Konsumgüter geben, die die kränkelnde bundesdeutsche Wirtschaft vor der Krise retten? Als am 9. November dann die Mauer fiel, überraschte mich das nicht wirklich. Das Ereignis stand am Ende einer langen Entwicklung. Und doch war damals schon klar: Nichts wird mehr so bleiben wie es war, weder in Ost noch in West.

Wir reden zu Recht von den sozialökonomischen Verheerungen im Zuge der Transformation, von einer neuen Wegfindung vieler und derer, die auf der Strecke blieben in den Neuen Ländern. Aber wir sprechen zu selten von den Brüchen in der alten Bundesrepublik: von der Preisgabe des Wohlstandsversprechens, von der Erosion des Sozialstaats, von neuer alter Großmannssucht und aufkeimendem Militarismus. Bis dato funktionierte der gesellschaftliche Kitt, die Aussicht, dass es jeder Generation besser gehen kann als den Eltern verbunden mit der Behauptung, „Wir“ sind sozialer als die „sozialistische“ DDR. Auf dieser Ebene fand auch die Systemauseinandersetzung statt. Doch die alten Verheißungen lösten sich auf, eine Entwicklung bis heute heißt Hartz IV. So hadere ich noch immer mit diesem Land, das hinnimmt, Menschen sozial zurückzulassen, sich an Kriegen beteiligt und dessen Geheimdienste in Verbrechen verstrickt sind.

Martina Renner ist neu in der Fraktion DIE LINKE, Obfrau im NSA-Untersuchungsausschuss

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