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Patient Krankenhaus

erschienen in Klar, Ausgabe 11,

Gestresstes Personal, längere Wartezeiten, Leistungskürzungen: Der gute Ruf der deutschen Krankenhäuser ist dahin.
Vorzeigeklinik - nicht weniger wollte das Alfred-Krupp-Krankenhaus im vornehmen Essener Stadtteil Rüttenscheid immer sein. Heute ist es ein Paradebeispiel für die Probleme der Krankenhäuser und Kliniken in Deutschland.

»Die medizinische Qualität ist noch gut«, erklärt Betriebsrat Tobias Michel (51), »doch vieles andere stimmt nicht mehr.« Die 550 Patienten des Krankenhauses teilen sich in vier Klassen: Am schlimmsten sind Asylbewerber dran, sie erhalten nur eine Grundversorgung. Dann kommt die Masse der Kassenpatienten. Etwa ein weiteres Viertel der Patienten ist privat versichert. Und dann gibt es noch den Premium-Trakt: Reiche Geschäftsleute aus aller Welt erhalten dort eine Vorzugsbehandlung in Luxus-Hotel-Atmosphäre. Abgerechnet wird in bar oder mit Kreditkarte.

Das Krankenhaus in Essen ist kein Einzelfall. Früher drehte sich alles um den Patienten. Heute dreht sich alles um den Gewinn. Krankenhäuser stehen unter Druck, neue Geldquellen zu erschließen oder beim Personal zu sparen. Seit einiger Zeit werden Fallpauschalen abgerechnet, nicht individuelle Krankheiten. Ob diese Berechnungsweise negativ für die Patienten ist, bleibt umstritten. »Auf jeden Fall brauchen wir mehr unabhängige Patientenberatungen«, meint der Patientenberater Gregor Bornes aus Köln.

Geld erhalten die Krankenhäuser von den Bundesländern für Investitionen und von den Kranken-kassen für die Pflege. Doch die Länder zahlen zu wenig, es fehlen rund 50 Milliarden Euro. Ent-weder müssen Krankenhäuser Kredite au nehmen und Schulden machen. Doch bereits heute schreibt ein Drittel der Krankenhäuser rote Zahlen. Oder die Krankenhäuser veralten - zu Lasten der Patienten.

Auch die Geschäftsleitung des Alfred-Krupp-Krankenhauses lässt sich einiges einfallen, um Personalkosten zu sparen: Das ehemalige Werkskrankenhaus trat der Diakonie bei. »Krupp wurde Kirche«, kommentiert Michel, mit Zweifel in der Stimme. Ein Teil der Belegschaft erhält seitdem den billigeren evangelischen Kirchentarif. Die Löhne der übrigen Pflegekräfte wurden zum letzten Mal 2004 real erhöht. Stattdessen müssen sie immer mehr leisten: Die Anzahl der sogenannten Fälle, um die sich eine Pflegekraft im Jahr kümmert, stieg zwischen 2005 und 2007 um 11 Pro-zent.

Bundesweit wurden in den letzten zehn Jahren 100000 Arbeitsplätze weggekürzt, die Hälfte davon in der Pflege. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Patienten um 1 Million. Die Bundesregierung hat zeitgleich die Leistungen für Patienten eingeschränkt, für die die Krankenkassen zahlen müssen. Trotzdem müssen die Versicherten ab 2009 einen höheren Beitrag von 15,5 Prozent berappen. Und reicht der Gesundheitsfonds nicht, drohen Zusatzbeiträge.

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