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Ost-Frauen flüchten vor Stellenmangel

erschienen in Klar, Ausgabe 6,

Erfurt. Junge, gut ausgebildete Frauen verlassen in Scharen den Osten. Schuld daran ist vor allem die Tatenlosigkeit der Bundesregierung.

In diesem Sommer ist Evi Süß für kurze Zeit nach Erfurt zurückgekehrt. Hier leben ihre Eltern, hier hat sie Abitur gemacht. Hier will sie ihr Kind zur Welt bringen. Danach zieht die 23-Jährige nach Frankfurt am Main. Ihr Freund, ein gelernter Mediengestalter, hat in der Mainmetropole Arbeit gefunden.

Evi Süß ist eine von rund 1,5 Millionen Menschen, die seit 1990 die neuen Bundesländer verlassen haben. Zwar erwerben auch im Osten weitaus mehr Mädchen als Jungen gute Schulabschlüsse. Aber wenn es nach der Schule an Lehrstellen und existenzsichernder Arbeit fehlt, wandern die Mädchen ab. Es gibt Regionen, in denen fehlen bis zu 25 Prozent junger Frauen. Das schafft Frust. Bei den Männern.

Forschung und Politik sehen bereits eine neue Unterschicht heranwachsen: Kein Job, kein Geld, keine Frau. Rechte Parteien und hochprozentiger Alkohol fänden in solchen Kreisen gleichermaßen großen Zuspruch. Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung mit dem Titel »Not am Mann« belegt das.
Der für die neuen Bundesländer zuständige Minister -Tiefensee (SPD) glaubt, fahrbare Bibliotheken könnten die Abwanderung junger Menschen aus dem Osten verhindern. Sie schaffen zwar keine Arbeitsplätze, aber vielleicht fühlen sich die Menschen dann wohler. Auch ohne oder mit nur schlecht bezahlter Arbeit. Glaubt Tiefensee.

Evi Süß hat sich in Köln zur Biolaborantin ausbilden lassen. Das war ihr Wunschberuf. Beworben hatte die Erfurterin sich auch in Jena, fast 30 Bewerbungen schrieb sie insgesamt. Am Ende ging sie nach Köln - das beste Angebot, die besten Chancen. Nun zieht die junge Frau der Arbeit ihres Freundes hinterher. Nach dem Erziehungsurlaub wird sie sich in Frankfurt am Main einen Job suchen. Sie ist sich sicher, ihn dort eher zu finden als in Erfurt oder Umgebung.

„Der Regierung ist die Zukunft des Ostens egal“

Auf eine Anfrage von Abgeordneten der Fraktion DIE LINKE, wie die Bundesregierung auf die Abwanderung junger Frauen aus den neuen Bundesländern reagieren wolle, antwortete die Regierung: Man wisse, dass dem so sei und richte deshalb die Politik insgesamt darauf aus, die Wirtschaftskraft in den neuen Ländern zu stärken. Zudem werde sich der positive Trend auf dem Arbeitsmarkt auch im Osten niederschlagen. Das klingt wie eine Beschwörung, findet -Roland Claus (DIE LINKE). »Deutlicher als mit dieser Antwort kann die Bundesregierung nicht zum Ausdruck bringen, dass ihr die Zukunft des Ostens egal ist«, resümiert der 52-jährige Ingenieurökonom.

Evi Süß hat gerne in Erfurt gelebt. »Aber Köln gefällt mir auch, und Frankfurt wird mir -gefallen. Wenn ich dort Arbeit habe und mein Freund ebenfalls, wenn wir von unserem Geld leben können, dann werden wir uns dort einrichten. Und nicht zurückkommen«, sagt sie. Wahrscheinlich auch dann nicht, wenn die neuen Bundesländer flächendeckend mit fahrbaren Bibliotheken versorgt sind.

Von Hannah Hoffmann

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