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Opelaner in Eisenach blinken links

erschienen in Clara, Ausgabe 5,

Bodo Ramelow: Auf die Betriebsräte des Eisenacher Automobilwerks ist Verlass.

Es ist nicht alltäglich, dass der Betriebsrat der Opel Eisenach GmbH im Namen und im Auftrag der Geschäftsleitung einen Politiker begrüßt. Der Gast ist Bodo Ramelow, Bundestagsabgeordneter und Spitzenkandidat der Partei DIE LINKE für die Thüringer Landtagswahl 2009. Am Ende seines Besuches im modernsten Werk des General- Motors-Konzerns im Osten nimmt er das Gefühl mit auf den Weg, dass Eisenachs Opelaner sehr wachsam einschätzen, was sich da links von der SPD entwickelt. »Für mich war das Spannendste an diesem Besuch die Intensität, mit der die Belegschaft ihre Lohndebatte auch und gerade in Verantwortung für ihren Produktionsstandort geführt hat«, resümiert der Politiker.

Bodo Ramelow, seit 30 Jahren streitbarer Gewerkschafter, saugt beim Rundgang mit Betriebsrat Reinhard Schäfer und Matthias Mederacke - zuständig für die innere Kommunikation im Werk - die Informationen regelrecht auf.
Mit Schäfer hat er einen Opelaner an seiner Seite, der in der vierten Generation Autobauer ist, einer mit Herz und Seele, und der zu vielen Dingen im Werk und im Land eine eigene Meinung hat. Natürlich erzählt er Ramelow in der Fertig- und Endmontage, dass in dieser Halle 1990 noch der 1.3er Wartburg geschraubt wurde.
Seitdem ist viel passiert, kämpft auch das Opel-Vorzeigewerk mit seinen etwa 1.900 Beschäftigten im globalen Kampf der General-Motors-(GM)-Standorte um jedes Fahrzeug, um Stückzahlen und um Qualität sowieso.

Eisenacher solidarisch mit Kollegen in Antwerpen

Die schleichende Abwicklung kennen und fürchten die Opelaner. Es kann jeden Standort treffen, der kein Alleinstellungsmerkmal besitzt. Beim jüngsten Warnstreik im Zuge der Tarifverhandlungen hatte sich die Eisenacher Beleg-schaft mit den Kollegen in Antwerpen solidarisch gezeigt. »Wenn man Jahrzehnte lang ein Spitzenprodukt herstellt, hat man dennoch keinen Ewigkeitsstatus«, bemerkt der Abgeordnete. Noch ist Opel Eisenach einzigartig. Eine fließende Produktionsstätte von perfekter hocheffizienter Standardisierung, in der sich die Opelaner wechselseitig vertreten können. »Es sind Allrounder auf hohem Niveau«, schwärmt Bodo Ramelow. Auf diese Weise gerät kein Mitarbeiter ins Abseits, falls sein Arbeitsplatz wegen veränderter Produktionsbedingungen wegfällt.
Opel Eisenach ist gleichermaßen ein Vorzeigebetrieb für Opel-Mitarbeiter anderer Standorte und für Laien. Darauf ist die Belegschaft zu recht stolz. Derzeit brummt die Produktion. Bis in den Herbst sind Samstagsschichten angesagt. Thüringen und sein Landeshaushalt, meint Ramelow höflich, seien ohne das Werk und sein Umfeld deutlich weniger schlagkräftig. Freilich zahlt die global aufgestellte Opel AG ihre Steuern nach bekannter Gewinn- und Verlustverrechnung zwischen rentablen und weniger rentablen Standorten. Da kommt Thüringen nicht immer blendend weg.
Bei Opel Eisenach verdient man besser als in anderen Betrieben der Region. Und auch sonst gibt es genügend Gründe, hier zu arbeiten. Jeder Opelaner hat sieben weiße Arbeitshemden, die wöchentlich gewaschen werden, das Kantinenessen ist prima und preiswert. Das hauseigene Entgeltabkommen, das in den einzelnen Teams gleiche Einkommen garantiert, ist ein Fortschritt auf dem Weg zu West-Standardlöhnen, wie sie in der Branche üblich sind.

Heiß diskutiert - der
einheitliche Entgeltrahmenvertrag der IG Metall

Doch das »selbstgestrickte« Hausabkommen soll im Zuge der Tarifvereinbarung zwischen IG Metall und Arbeitgebern spätestens zum 1. Januar 2008 auslaufen. Natürlich ist darüber keiner glücklich in Eisenach. Die Thüringer müssen dann den einheitlichen Entgeltrahmenvertrag (ERA) anwenden. Arbeit und Qualifikation werden neu bewertet, unter-schiedliche Entgeltgruppen damit bindend.
Der ERA ist dennoch ein Erfolg für die meisten anderen tarifgebundenen Metall-Unternehmen. Opel Eisenach bringt mit dem Verlust des hauseigenen Tarifvertrages allerdings eine Art Bauernopfer im Bereich der IG Metall. Das zu akzeptieren ist für die Mitarbeiter nicht leicht.

Angriff auf IG-Metall-Tarife abwehren

Ungeachtet dessen erlebt Ramelow, wie im Werk derzeit Vollgas gegeben und in jeder Schicht um jedes Fahrzeug gekämpft wird. 257, besser 260, sollen täglich zusammengeschraubt werden. Die Auftragslage ist gut, der neue Opel Corsa verkauft sich prächtig. Opel Eisenach arbeitet neuerdings auch für den englischen Rechtslenker-Markt.
Bodo Ramelow stutzt etwas, als Opel-Mann Mederacke meint, dass das Werk »irgendwie« schon eine Werkbank sei. Wird hier produziert oder werden nur gelieferte Teile zu einem Auto korrekt zusammengeschraubt? Das Thema ist ein heißes Eisen. In den Opel- und GM-Chefetagen denkt schon manch ein Manager, dass die Autos nicht mehr hergestellt, sondern die nötigen Teile nur montiert werden. Dann stünde der IG-Metall-Tarif in Frage. In einem Zulieferbereich von Opel Eisenach, hat man bereits vor wenigen Jahren einen Vorstoß gewagt. Heute wird für diesen Bereich nach Transport und Logistiktarif (ver.di) bezahlt, deutlich weniger also. Solche Versuche will die IG Metall anderswo auf keinen Fall mehr zulassen. »Entlohnung muss sich an der Wertschöpfung orientieren. Es kann nicht sein, dass am Ende der Wertschöpfungskette der billigste Tarifvertrag alles dominiert«, kritisiert Bodo Ramelow.

Junge Opelaner sind meist Leiharbeiter

Gerade als Betriebsrat Schäfer seinen Besucher aufgeklärt, dass jüngere Opel-Mitarbeiter meist Leiharbeiter seien und Hemden ohne Namensschild trügen, da entdeckt Ramelow einen Mitzwanziger mit Namen. Der hat bei Opel Eisenach gelernt, recherchiert Schäfer. Die Übernahme der Azubis ist hier noch üblich. Das Werk bildet als einziger Opel-Standort überhaupt noch aus. Doch nicht immer kann es den gut qualifizierten Fachleuten einen Job anbieten, der ihren Fähigkeiten entspricht. Deshalb würden sich auch viele junge Fachleute einen anderen Betrieb suchen. »Doch das ist nicht das einzige Problem«, sagt Opel Eisenach-Geschäftsführer Leo Wiels. Ab 2009 wird eine ganze Reihe von Opelanern in den Vorruhestand oder in Rente gehen. Dennoch herrscht bei Opel Einstellverbot, da andere Werke in Bochum bzw. Rüsselsheim Überkapazitäten haben. Zwar gibt es Wechselangebote seitens des Unterneh-mens, doch niemand will vom Westen in den Osten. Alternativjobs sind Mangelware. Allen im Management sei das Problem bekannt, sagt Betriebsratsvorsitzender Lieske, aber keiner habe eine Antwort.
Rente mit 67 ist deshalb für Opel Eisenach sozial verantwortungslos - für Arbeitgeber, Arbeitnehmer und DIE LINKE gleichermaßen. »Niemand ist mit 60 Jahren noch in der Lage, hier in der Fertigung zu arbeiten«, empört sich Betriebsratsvorsitzender Lieske. Bodo Ramelow versichert den Opelanern, dass das Thema Rente mit 67 von der LIN-KEN im Herbst wieder auf die Tagesordnung des Bundestages gesetzt wird. »Auf uns könnt ihr auch zählen«, verspricht Harald Lieske, der Betriebsratsvorsitzende der Opel Eisenach GmbH, seinem Besucher bei der Verabschiedung. Jensen Zlotowicz

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