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»Oma trinkt Schnaps und tanzt auf dem Tisch«

erschienen in Klar, Ausgabe 21,

Der Sänger Christian Haase im Exklusiv-Interview über Konzerte in Gefängnissen und den Ärger mit Veranstaltern, die Kindern keinen kostenlosen Eintritt gewähren wollen.

Seit mehr als einem Jahrzehnt spielen Sie jedes Jahr unzählige Konzerte. Was war bisher Ihr ungewöhnlichster Auftritt?

Christian Haase: Ein Konzert in der Justizvollzugsanstalt Bützow im vergangenen Jahr vor Dutzenden dieser ganz harten Jungs: Stiernacken, Oberarme wie Popeye und gigantische Tattoos. Und du stehst auf der Bühne und weißt nicht, wie du dich verhalten sollst.

Wie haben die Häftlinge reagiert?

[lacht] Die wussten zuerst auch nicht, wie sie sich verhalten sollen. Dann haben sie im Rhythmus mitgewippt. Und beim dritten Song haben die ersten von ihnen geweint.

Was haben Sie von diesem Konzert mitgenommen?

Ich habe einmal mehr kapiert, wie wichtig es ist, diesen Menschen eine Perspektive zu geben. Ich habe dort Leute getroffen, die wissen nicht, was ein Geldautomat ist, so lange sitzen sie bereits im Gefängnis. Viele von ihnen haben einen ungeheuren Lebenshunger…

…und Durst nach Kultur?

Ja. Fast alle Häftlinge haben in Deutschland eine realistische Chance, eines Tages wieder herauszukommen. Aber wenn man diesen Menschen Kultur vorenthält, kann man nicht erwarten, dass sie resozialisiert werden. Also haben wir uns entschieden: Wir bringen Kultur in den Knast. Übrigens habe ich damals spontan versprochen, dass wir wiederkommen. Jetzt arbeiten wir an einem weiteren Konzert für Juli 2011.

An welches Konzert haben Sie besonders schöne Erinnerungen?

An einen Auftritt in der Moritzbastei in Leipzig im Jahr 2005. Das war mein zehnjähriges Bühnenjubiläum, und fast alle alten Kollegen, mit denen ich Musik gemacht habe, waren mit auf der Bühne. Da habe ich mich das erste Mal als Rockstar gefühlt.

Kürzlich haben Sie die Aktion »Kultur an junge Menschen schenken« gestartet: Kinder und Jugendliche zahlen bei Ihren Konzerten keinen Eintritt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ich habe mich zurückversetzt, wie es für mich als Teenager war: Ich konnte selten Konzerte besuchen, weil mir das Geld dafür fehlte. Und heute ist es doch so: Zwei Konzertkarten, das Straßenbahnticket und zwei Bier kosten schnell 50 Euro. Ursprünglich sollte es eine einmalige Aktion sein. Wir haben dann aber entschieden, dabei zu bleiben: Kinder und Jugendliche haben bei uns immer freien Eintritt. Selbstverständlich achten wir dabei abends auf den Jugendschutz.

Wie verhalten sich junge Menschen während Ihrer Konzerte?

Sehr unterschiedlich. Es gibt Kinder, die schlafen auf dem Schoß der Mama ein. Vielen anderen gefällt die Musik, die springen auf und tanzen vor der Bühne. Die Atmosphäre ist wie bei einem großen Familiengeburtstag, bei dem auch mal die Oma einen Schnaps trinkt und mit dem Enkel auf dem Tisch tanzt. In meinen Konzerten sind die jüngsten Menschen drei und die ältesten 70 Jahre alt.

Und die Veranstalter akzeptieren, dass Sie Eintrittskarten verschenken?

Na ja, häufig gibt es heftige Diskussionen. Einmal mussten wir sogar ein Konzert absagen, weil der Veranstalter nicht einverstanden war.

Der Grundstein für Ihre Karriere war privater Gitarrenunterricht, den Sie ab dem achten Lebensjahr erhielten. Können sich Kinder aus Hartz-IV-Familien mit dem Bildungsgutschein von zehn Euro im Monat, den die Regierung beschlossen hat, eine solche musikalische Ausbildung leisten?

Nein. Als ich von meiner Musik noch nicht leben konnte, habe ich selbst Gitarrenunterricht gegeben und 15 Euro für 45 Minuten Unterricht genommen. Mit dem Bildungsgutschein gibt es also eine halbe Stunde Gitarrenunterricht im Monat. Man bräuchte so ein halbes Jahr, nur um zu erklären, wie alle Gitarrensaiten heißen. 

Das Interview führte Ruben Lehnert.

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