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Ohne Frauen keine Revolution

erschienen in Lotta, Ausgabe 1,

Weggehen oder bleiben, darüber denken viele junge spanische Frauen in diesen ersten Wochen des neuen Jahres nach. Sie haben studiert, einen Beruf gelernt, aber in ihrem Land scheint es fast aussichtslos, eine eigene Existenz aufzubauen. »Keine Wohnung, keine Arbeit, keine Zukunft«, erzählt Thais Vera Utrilla. Sie kam vor zwei Jahren von Madrid nach Berlin. Hier hat sie zwar ihre Liebe gefunden, aber noch immer keinen Job. Sie sei »eine hochqualifizierte, mobile, junge Europäerin«, sagt die diplomierte Politikwissenschaftlerin. Für ihr Heimatland spielt das keine Rolle. Ihre jüngere Schwester, examinierte Journalistin, ist auch immer noch ohne Arbeit, sie muss deshalb zu Hause bei den Eltern wohnen bleiben. Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien liegt bei fast 50 Prozent. Frauen trifft die Wirtschafts- und Finanzkrise ganz besonders hart, so die Politologin. Sie seien vorrangig im Niedriglohnsektor beschäftigt. In der Regel gebe es nur Zeitarbeitsverträge zu katastrophalen Bedingungen. Der bezahlte Mutter­- schaftsurlaub zum Beispiel beträgt 16 Wochen. Wer danach nicht wieder arbeitet, unter anderem weil Kinderbetreuungsplätze fehlen, der steht ohne Partner oder Eltern völlig mittellos da.
Spanien hat die niedrigste Geburtenquote Europas. Vor dem 30. Lebensjahr traut sich ohnehin kaum eine Frau, ihren Kinderwunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Auch wächst die Angst vor Obdachlosigkeit. Gerade bei jungen Familien in der Mittelschicht. Sie befürchten, irgendwann die Raten und Zinsen für den Wohnungskredit nicht mehr zahlen zu können. 350 000 Zwangsvollstreckungen gab es – so die Statistik – allein 2011. 125 000 Familien wurden vor die Tür gesetzt. Und noch eine Zahl: 55 Frauen wurden im letzten Jahr ermordet – von ihren Lebenspartnern. Eine unglaubliche Tatsache des noch immer präsenten Machismo, aber auch ein Zeichen dafür, wie die soziale und wirt­schaftliche Misere in das private Leben eindringt und Beziehungen von Paaren zerstört. Es ist wie ein Rollback. Ohne eigenen Verdienst sind Frauen entweder auf  die Eltern ange­wiesen, oder im Fall einer Trennung vom Partner bleiben sie von ihm ökonomisch abhängig.
Dabei hatten die Frauen auf der iberischen Halbinsel seit Ende der Diktatur Francos einen rasanten emanzipatorischen Aufschwung erlebt. Noch vor drei Jahrzehnten durften sie weder wählen noch ein Konto besitzen. Besonders hart trifft die Krise die Migrantinnen aus Lateinamerika und Afrika, die ohne Papiere keinerlei Rechte einklagen können.
»Die Revolution muss weiblich sein oder sie ist keine« und »Für uns immer weniger, immer mehr für Banken und Klerus« – so schreien es spanische Feministinnen auf der Plaza del Sol in Madrid, aber auch in Sevilla und Valencia heraus. Sie sind Teil der parteiunabhängigen Bewegung der Indignados, der Empörten. Mitte Mai 2011 begann die öffentlichen Protestbewegung »15 M«. Die Abkürzung steht für das Datum 15. Mai 2011. Frauen kämpfen hier für das Grundrecht auf Wohnen, Arbeit, Kultur, Gesundheit, Bildung und politische Teilhabe.
Auch wenn die Proteste im Moment von den großen Plätzen und Straßen verschwunden scheinen, sagt Thais Vera nicht ohne Trotz und Stolz, die Bewegung lebt und ist da. Zum Beispiel in den Wohngebieten der großen Städte. Dort leisten Aktivistinnen und Aktivisten Hilfe für Obdachlose und in Not geratene Menschen. Und eins ist sicher: Diesem frostigen und sozial kalten Winter folgt ein heißer spanischer Frühling und Sommer.

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